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WM-Nachlese

Ich glaube, es war noch bevor dieser Holländer Fußball plötzlich mit Kung-Fu verwechselte, damals vor zehn Tagen, als ich dachte:

„Puh, jetzt reicht’s langsam, ich kann das nicht mehr sehen.“
Das war allumfassend gemeint, nicht auf den grottigen Kick gemünzt, nicht auf das Gefoule der Holländer oder auf die allgemeine Torlosigkeit bis zur 116. Minute.
Nach vier Wochen war einfach die Luft raus, V. und ich unterhielten uns teilweise mehrere Sekunden, ohne auf den Bildschirm zu schauen, manchmal ging ich raus und gegen Ende schlief ich sogar ein.
So verpuffen dann vier leidenschaftliche Fußball-Wochen. Mit einem sehr leisen „Puff“.
Jetzt, zehn Tage später, befinden wir uns, wie V. es ausdrückt, mitten in der „schrecklichen fußball-freien Zeit“.
Das letzte Blatt WM-Klopapier ist längst in Richtung Abfluss verschwunden, die Nationaltrikots liegen schon lange wieder gewaschen und gefaltet im Schrank, das Panini-Album abgegriffen in der Ecke. Es fehlen wohl noch so 80 Bildchen. Letzte Woche hat V. noch engagiert mit Kollegen getauscht, seit Tagen aber darüber auch kein Wort mehr verloren. Der Nachwuchs hat die Leidenschaft für Bastian Schweinsteiger auch schon wieder vergessen und ich die meine für Carles Puyol (einziger Fußballer ohne affigen Haarschmuck) und Iker Casillas (schönster Torwart).
Ach, Iker.
Ach, Fußball.
Ich bin noch nicht wieder soweit.
V. schon. „Am Samstag ist Saisoneröffnung! Gegen PSV Eindhoven!“ Glückseliges Strahlen.
„Müssen wir?“
„Ja.“
Das Club-Trikot liegt irgendwo noch ungewaschen rum. Mal sehen, wann er das merkt.

WM-Accessoires

Vuvuzelas, schwarz-rot-gelbe Blumenketten, WM-Make-up – kommt uns alles nicht ins Haus.

Hier die etwas intellektuelleren WM-Accessoires:
Das Toilettenpapier mit den schlauen Fußballfakten – wahrscheinlich ergoogelt vom Toilettenherstellerpraktikanten. Wir wissen jetzt, dass Michael Ballack mal eine Taube abgeschossen hat („sie überlebte!“), wie alt Pelé genau bei seiner ersten WM war und dass in Madagaskar mal ein Spiel 149:0 ausgegangen ist. Wir wissen es tausendfach, denn die Fakten wiederholen sich auf ungefähr jedem drittem Toilettenpapier.

Die „Mini-Men“ standen eines Tages einfach im Regal. Keine Ahnung, wer die reingelassen hat:
Mit den Playmobil-Figuren kann man sogar Fußball spielen, sie besitzen ein Spielfeld mit Toren und Ball:
Unsere Fußball-Bibliothek, erweitert um einige Nick-Hornby-Klassiker und – selbstredend – das 11-Freunde-Abo (welches zum Ärger V.s auf meinen Namen läuft, weshalb er jetzt glaubt, der Briefträger halte mich zu Unrecht für eine coole Sau):
Erstes Schuhwerk für den Neuzugang, ein Geschenk von T. im festen Glauben an einen FußballER:

Messi?! Mesut!!! Und… äh… Green

Die ersten fünf WM-Tage in der Zusammenfassung:

Freitag. Vuvuzelas nerven. Südafrika gegen Mexiko überschneidet sich mit Yoga. Ommmmm.
Samstag. V. glaubt nicht, dass das neue England-Trikot das neue England-Trikot ist. Kauft keines, obwohl er es sich fest vorgenommen hat. Wir langweilen uns durch Griechenland gegen Südkorea und durch Argentinien gegen Nigeria. Argentinien wird wohl Weltmeister, sagt V. Martin Demichelis trägt die Haare an den Seiten so rasiert, wie die Jungs damals in den Neunzigern. Wirklich überholt, die Frisur, finde ich. Tut nix zur Sache, sagt V., geht ins Bad und pfeift unter der Dusche „God save the Queen“. Zieht noch schnell das gute Three-Lions-Trikot über und streicht Wayne Rooney im Panini-Album glatt.
Krümmt sich zwei Stunden später vor Scham und Entsetzen auf dem Boden. 
Zwei Wahrheiten bleiben unumstößlich: 1. England wird nicht Weltmeister, auch wenn das vorher immer alle behaupten. 2. Englische Torhüter können keine Tore hüten. (Ich bin versucht, den Engländern Jens Lehmann anzubieten.)
Vuvuzelas nerven und jemand hat eine in unsere Wohnung eingeschleust. „Oh Gott, der hat so ein Ding“, stöhnt jemand auf dem Nachbarbalkon, als Griechenland-Anhänger A. beherzt in seine Neuanschaffung trötet.
Sonntag. Wir langweilen uns durch Slowenien gegen Algerien und durch Serbien gegen Ghana. Haben auf Serbien getippt, sind aber irgendwie für Ghana, trotz Boateng. Der kann froh sein, dass wir den Frings nicht dabei haben. Der hätte Ballack gerächt. Schauen im Café und wollen wieder so einen großen, flachen Fernseher. „Sieh dir das Bild an!“, sagt V.
Schauen zwei Stunden später sprachlos zu, wie Poldi, Klose, Müller und Cacau die Dinger reinmachen. „Pässe kommen an!“, ruft V. ungläubig.
Eine Wahrheit bleibt unumstößlich: Deutschland ist eine Turniermannschaft.
Vuvuzelas nerven. Kommen wir wohin, sind sie schon da. Schnell noch im Blumenladen am Bahnhof gekauft, sagt D. Bald will der V. auch eine.
Montag. Wir langweilen uns durch Italien gegen Paraguay, schauen aber zum ersten Mal „public“, beim Nachbarn im Biergarten. Immerhin hab ich Japan-Kamerun richtig getippt.
Dienstag. Ich mag Neuseeland, denn Neuseeland spielt 1:1 gegen die Slowakei. Einer Eingebung folgend habe ich so getippt (als „Kapitänchen“) und bin nun dritte in der Tipprunde. V. („Capitano“) ist vorletzter.
Heute abend langweilen wir uns dann durch Brasilien gegen Nordkorea.

WM-Vorbereitung

Donnerstag. Sofa. V. und ich liegen einträchtig nebeneinander und schauen zu, wie aus elf jungen Männern eine Turniermannschaft entsteht.

Bastian Schweinsteiger verwandelt einen Elfmeter. Im Bauch tritt jemand, der Bauch wackelt.
Bastian Schweinsteiger verwandelt gleich noch einen Elfmeter. Im Bauch tritt jemand, der Bauch wackelt.
„Das mag den Schweinsteiger. Wird noch Bayern-Fan“, sinniere ich.
Das werde er zu verhindern wissen, sagt V.
Freitag. Büro. Telefon klingelt, V. ist dran.
„Ballack geht zu Real“, ruft er.
„Wusste ich schon.“
„Wie, das wusstest du schon?“
„Stand gestern im Videotext.“
„Und das hast du mir nicht gesagt?“
„Hab ich vergessen.“
Deshalb mag mich der V. so. Weil ich sowas vor ihm weiß und trotzdem frage, ob das jetzt einen Elfmeter für uns gibt, wenn Marko Marin gefoult wird.