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V. vergisst seine Frau

Zwei Tage nach dem Länderspiel beugt sich V. morgens über die Zeitung, lacht und sagt:

„Das war wirklich so wie es hier steht, weißt du. Wenn die Deutschen den Ball hatten, hat das Publikum gebuht und bei den Pässen der Argentinier gejubelt.“
Ich sehe ihn für eine lange Minute an, bis ich sage:
„Ich weiß. Ich war dabei.“
„Ach, Mensch, stimmt! Wie peinlich. Das hätt ich fast vergessen!“
Ist auch besser so. Vergessen wir einfach, dass ich im Stadion war. Ist mir auch lieber.

5. Spieltag. Mönchengladbach.

Auf Autofahrten schlafe ich meistens sofort ein. Das liegt in der Familie. Auch meine Mutter, mein Bruder, mein Onkel und mein Großonkel werden vom Brummen des Motors dermaßen eingelullt, dass ihnen innerhalb weniger Minuten die Augen zufallen. Beim Opa, der nicht mehr lebt, war das ebenfalls so. Überhaupt können die Mitglieder meiner Familie mütterlicherseits, immer und überall sofort und gut schlafen – es sei denn, wir fahren selbst, versteht sich – was vor allem meinen Vater wurmt.

Der Autoschlaf ist, wie ich finde, ein sehr erholsamer, außerdem verkürzt er lange Fahrten und verhindert Langeweile. Und da mir beim Lesen im Auto gleich schlecht wird, bleibt mir ja nichts anderes übrig. Jetzt kommen bestimmt gleich wieder die Romantiker und schimpfen, ich könnte, sollte, müsste mich ja mit dem V. unterhalten, der ja schließlich fährt, aber das will der ja auch nicht immer. Außerdem hat er sich daran gewöhnt, dass ich kurz hinter Neufahrn in die Schlafposition rutsche.
An diesem Samstag schlafe ich aber nicht, erst ergibt es sich irgendwie nicht, und dann fängt „Heute im Stadion“ an. Ich bin ja sozusagen noch Ersthörer, jedenfalls habe ich noch nie so richtig ein ganzes Spiel mit angehört. Heute reicht es immerhin für eine ganze Halbzeit und so schnell wie ich sonst einschlafe, erliege ich diesmal dem Charme der Bundesliga-Konferenz, besonders der speziellen Artikulation von Karl-Heinz Kars. Als er ein Tor für Dortmund meldet, klatsche ich vor Begeisterung in die Hände, und dann führen auch noch die Nürnberger!
1:0 in der ersten Halbzeit! Da zeichnet sich doch ein Heimsieg ab! Obwohl, gibt unser Reporter den Skeptiker, jetzt müsste das „psychologisch wichtige zweite Tor vor der Halbzeitpause“ fallen. Dann könne nichts mehr passieren, das wäre erwiesen, statistisch und so, dann wäre der Sack zu gemacht, die Sache geritzt, der Drops gelutscht und so weiter.
V. verdreht die Augen. „So ein Quatsch“, setzt er an. „Das stimmt alles gar nicht. Ein zweites Tor vor der Halbzeit oder nicht, DAS ist erwiesen, hat überhaupt keinen Einfluss darauf, ob das Spiel gewonnen wird oder nicht, da gibt es Statistiken und und und.“
Ich: „Wo hast du das jetzt wieder her? Das erfindest du doch gerade!“
V.: „Nein, das hab ich aus dem Buch!“ V. liest gerade das wichtigste Buch aller Zeiten, „Die Fußball-Matrix“ von Christoph Biermann.
Ich: „Aha. Wieso liest du mir aus dem Buch eigentlich nie vor? Das wäre doch prädestiniert dafür!“
V. (zögerlich): „Ja, schon. Aber ich glaube, das ist zu hoch für dich.“
Ach so. Kann schon sein. Mathe war ja nie so meine Stärke. Aber in Statistik war ich gar nicht so schlecht. Glaube ich jedenfalls.

3. Spieltag. Hannover.

Samstagmorgen. Leseritual. Schweigen.

Plötzlich fragt V.: Was heißt denn neolithisch?
Ich: Keine Ahnung, schau halt im Duden nach. Was hat das Wort eigentlich im Sportteil verloren?
V.: Nix. Ich hab heute mal mit dem Feuilleton angefangen. Ist übrigens total interessant. Diese Ausstellung in London, da sollten wir mal hingehen. 
Ich: Eigentlich keine schlechte Idee, das Pfund steht ja gerade auch so gut.
Dann wieder: Schweigen. Leseritual.
Und als ich mich in diese sehr lange Reportage über den Mann mit den vielen Schlangen vertiefe, blitzt irgendwo in meinem Hirn, wahrscheinlich in der Fußballecke, kurz, aber nur ganz kurz, der Gedanke auf, ob das nicht ein schlechtes Omen ist, vor dem Spiel gegen Hannover einfach mal so mit dem Feuilleton anzufangen. 
Und wie sich einige Stunden später zeigt: Es war vielleicht kein Omen, aber es war schlecht. Er wird das nicht wieder tun.
Küren wir, trotz allem, den
Spieler des Tages: Raphael Schäfer
Was ich über ihn weiß: Nürnbergs Jahrhundert-Torwart, unverzichtbar im Pokalsieger-Jahr, danach nach Stuttgart verkauft, dann reumütige, freiwillige Rückkehr in die zweite Liga. 
Wie V. ihn findet: V. hat selten viel für „Torwächter“ (Zitat Günter Netzer) übrig und ist, wenn, dann Fan von Andreas Köpke. Aber auf den Schäfer lässt er nix kommen.
Warum Spieler des Tages: Er hat einen Elfmeter gehalten und den Club so vor einer noch größeren Schmach bewahrt.
Weitere Fakten: Raphael Schäfer ist in Oberschlesien geboren und lebt seit seinem siebten Lebensjahr in Deutschland. Und beim Club ist er seit 2001 – die wenig erfolgreiche Unterbrechung in Stuttgart mal nicht eingerechnet.

Romantik.

In der Samstags-Seite-3-Reportage sagt Rosamunde Pilcher heute, dass Leidenschaft keine gute Basis für eine Ehe sei. Respekt und Pragmatismus – mit diesen Grundsätzen könne man gemeinsam alt werden und mit diesen Grundsätzen war Mrs Pilcher auch 62 Jahre verheiratet.

Nachdem ich diese Zeilen gelesen habe, lausche ich pragmatisch V.s Lesung aus dem heutigen Sportteil über die Jugendförderung des FC Bayern, warum dessen Talente jetzt alle woanders spielen und warum Misomovic unter 80 Kilo bleiben sollte.
„Ach“, seufze ich in einem Anfall von leidenschaftlichem Pragmatismus. „Ich freu mich schon drauf, mit dir alt zu werden.“
V. überlegt kurz.
„Oh ja“, sagt er. „Dann haben wir ein Haus und schauen den ganzen Tag englische Liga!“
Im Übrigen kann der Club morgen Zweiter werden. Also Daumendrücken.

V. liest Zeitung – Teil 2

Am Wochenende liest V. nicht nur sehr ausführlich den Sportteil – er liest ihn auch vor. Mir.

Das wäre kein Problem, wenn ich sehbehindert, Analphabetin oder interessiert wäre. Nur trifft keines dieser Attribute auf mich zu.
Nicht an einem Samstagmorgen. Nicht einmal, wenn ich eine sehr lange Seite-3-Reportage über den neuen Wirtschaftsminister lese.
Der Samstagmorgen läuft im ungefähren so ab (wenn wir nicht gerade um 7 Uhr morgens mit dem Bus in den Bayerischen Wald fahren): Aufstehen, Kaffee kochen, Zeitung vor der Tür holen, Wasser für Eier heiß machen, Geschirr in Esszimmer tragen, Essen ins Esszimmer tragen usw. 
Hinsetzen, Zeitung aufklappen, Sportteil für den Angetrauten herausfischen.
Dann ich: Erste Seite kurz überfliegen, Panorama-Teil ein bisschen lesen, Zeitung aufblättern, Seite 3 lesen. Dazu: schweigen.
Dann V.: Sportteil entfalten, Aufmacher taxieren, schweigen. Dann: Kann ich dir kurz was vorlesen?
Ich (stecke gerade im zweiten Absatz): Nein. Ich lese auch.
V.: Ja, aber du bist ja erst am Anfang. Macht ja nix. Also, Uli Hoeneß hat nämlich gesagt…
Ich: Will ich nicht wissen. Interessiert mich nicht. Ich lese selbst.
V.: Ja, aber das ist jetzt wirklich wichtig. Das muss ich dir vorlesen.
Ich: Musst du nicht. 
V.: Es ist wirklich lustig.
Ich: Ist es nicht, ist es nie. Es ist ein aus dem Zusammenhang gerissener Satz über Uli Hoeneß, den du irgendwie lustig findest. Den will ich nicht hören, ich will nicht darüber lesen, ich will jetzt die Reportage über den Guttenberg lesen.
(Beleidigte Stille, ca. 4 Minuten.)
V.: Das mit den Karlsruher Ultras musst du jetzt aber wirklich wissen.
Ich: Nein. Muss ich nicht. Du musst ja auch nicht wissen, was der Guttenberg gestern zur  Merkel gesagt hat. Ich les dir das ja auch nicht vor.
V.: Weil es ja auch nicht relevant ist. Also, die Ultras…
(Es folgt eine längere Ausführung zum Thema, während ich gleichzeitig versuche, den Artikel fertig zu lesen, ohne mit von V. ablenken zu lassen)
Irgendwann hat V. dann den Sportteil durch und nimmt den Feuilleton. Daraus liest er übrigens nie vor. Was nicht fürs Feuilleton spricht.