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Unterhaching, oder: Wie damals in Barcelona

Der V. und ich sind nicht unbedingt dafür gemacht, Fußballstadien, egal welcher Größe, egal in welchem Land, auf Anhieb zu finden.

Das zeigte sich schon damals in Barcelona.

Wir wollen also nach Unterhaching fahren, um uns ein Spiel des Clubs gegen die Spvgg anzusehen. Keine große Sache, ein kleines Testspiel in einem kleinen Stadion, die Kinder sollen natürlich mit. Es ist für sie das erste Mal in einem Stadion, es ist nicht das Frankenstadion, aber Spieler des FCN werden sich auf dem Rasen befinden, die Kinder werden noch ihren Urenkeln davon erzählen.

Die Kinder sind knapp drei Jahre (das eine) und neun Wochen (das andere) alt.

Das Fräulein ist mäßig begeistert von der Aussicht auf Fußball (sie kennt Fußball im Zusammenhang mit Fernsehen und will schon auf dem Sofa Platz nehmen), lässt sich aber damit ködern, dass wir S-Bahn fahren werden. S-Bahn fahren steht bei ihr hoch im Kurs, unser zukünftiger Schwiegersohn gibt täglich im Kindergarten damit an, dass er ja S-Bahn fährt. Von Baierbrunn in die Stadt. Und zurück. Das Fräulein will nach Baierbrunn fahren. Wir lassen sie in dem Glauben.

Der Stürmerstar hat noch keine Meinung und noch keine Ansprüche an Fortbewegungsmittel oder Ziel,  er weiß auch noch nichts von den Erwartungen, die da in seine Zukunft gemalt werden. Aber seinen zukünftigen Verein sollte er sich schon mal ansehen.
Im Stadion wird er mich, während die Unterhachinger Fans sehr laut den Ausgleich bejubeln, mit einem Blick ansehen, den ich als „Und was war das jetzt für eine Scheißidee, Rabenmutter?“ interpretiere.

Wie das so ist mit Kindern, ob man nun über den Brenner reist oder nach Unterhaching, wir brechen zu spät auf.
Macht nix, sagt der V. Sind wir halt erst nach dem Anpfiff da.
Als wir an der Haltestelle stehen, fallen erstmal zwei S-Bahnen aus.
Macht nix, sagt der V. Eine Halbzeit kriegen wir auf jeden Fall mit.

Wir treffen sogar andere Clubfans, noch an der Haltestelle und später im Zug, das ist irgendwie bizarr in einer Stadt wie München, wo man glaubt, in Bayern-Trikots zu ersticken. Es sind auch nur fünf Club-Fans auf dem Weg nach Unterhaching, der V. schon mit eingerechnet und man erkennt sich natürlich am Trikot. Ohne V.s Leibchen hätten uns die Jungspunde in der Bahn auch nie angesprochen, warum auch. Sie sind alle drei so um die 14, einer total übermotiviert mit Fotoapparat und von Kopf bis Fuß im Fandress, ein Gemäßigter mit Schal, und ein blasierter Blonder, der aussieht wie Draco Malfoy und sich weigert, irgendwelche Fan-Sachen auch nur zu berühren.

„Fahren Sie auch zum Club?“, ruft der Übermotivierte dem V. zu und ist kurz vorm Hyperventilieren. Für mich hat er einen irritierten Blick, als frage er sich, wie dem V. die Frau, das Kleinkind und das Baby wohl zugelaufen sind.

Ich lese auf Twitter, dass das Spiel 15 Minuten später angepfiffen wird, weil die Club-Mannschaft im Stau stand und hoffe, mir mit dieser Info zumindest beim kleinen Malfoy etwas Respekt zu verschaffen. Weit gefehlt, niemand hört mir zu. Vielleicht sind sie ja in einem Alter, in dem jede Regung eines weiblichen Wesens erfolgreich ausgeblendet wird – es könnte sich ja um eine Lehrerin handeln, die was zu binomischen Formeln wissen will, oder, noch schlimmer, die eigene Mutter, die einen auffordert, nach sechs Tagen doch mal die Socken zu wechseln. Und um Mädchen wird ja eh noch ein großer Bogen gemacht.

Als wir die S-Bahn endlich verlassen ist es fast halb fünf und unerträglich heiß. Die Jungspunde spuren auf einen Mann zu, der irgendwie einheimisch aussieht und was von „rechts rum“ und „an der großen Straße entlang“ sagt. Sie winken uns noch übermütig zu (na ja, Malfoy nicht) und verschwinden nach rechts.

„Da“, sag ich zum V. „Zum Sportpark geht es links, ich seh schon das Schild.“
Er ist skeptisch. „Der Typ hat doch gesagt, rechts rum.“
„Aber hier ist doch das Schild.“
„Aber der Typ… Und die Jungs, schau, da vorne laufen die…“

Ich weiß nicht, seit wann wir zwielichtig aussehenden Unterhachingern und hyperventilierenden 14-Jähirgen blindlings folgen, aber bitteschön. Ich weiß, mir wird sich auf dem Rückweg noch die Gelegenheit zu Rechthaberei bieten, also gut, rechts rum.

Wir laufen. Wir fragen nochmal. Wir laufen an einer sehr breiten, sehr stark befahrenen Straße entlang. Wir suchen den Himmel ab nach Flutlichtmasten, die irgendwo aus dem Häusermeer ragen, aber es dauert sehr lange, bis wir sie sehen. Sie scheinen kleiner als Flutlichtmasten anderer Stadien.
Bis dahin schlurfe ich genervt und schwitzend hinter V. her, der wiederum versucht, nicht genervt zu sein, um sich die Freude auf den Nachmittag nicht zu verderben.

Eine gefühlte Ewigkeit und einige Gedanken an Scheidung später, stehen wir wirklich vor dem Unterhachinger Stadion, irren noch etwas herum – wo sind die Eingänge, welchen nehmen wir, wo stellen wir den Kinderwagen ab.
Schließlich sitzen wir auf roten Plastikschalen, die erste Halbzeit ist fast zu Ende das Fräulein nuckelt beglückt an einer Flasche mit Apfelschorle und es kommt tatsächlich so etwas wie Feierlichkeit auf. Der Club führt 2:1.

Bei diesem Ergebnis wird es nicht bleiben, denn jetzt bin ja ich anwesend, da bricht der Club gerne mal  ein. Bald schießt Unterhaching den Ausgleich.

Immerhin bleibt Zeit für Historisches: Raphael Schäfer hält tatsächlich einen Elfmeter. Dafür haben sich die Strapazen dann wirklich gelohnt.

Der Rückweg zur S-Bahn ist ein sehr schöner Spaziergang durch grüne Wiesen, er endet an dem Schild, auf dem „Zum Sportpark“ steht.

Urlaubs-Impressionen: Barcelona

Unser Besuch beim FC Barcelona steht schon deshalb von Anfang an unter keinem guten Stern, weil wir den Namen des Stadions „Camp Nou“ nicht korrekt aussprechen.

Wir könnten natürlich, wenn wir wollten. Hat man uns von allen Seiten eingetrichtert. „Camp Nau“ sagt man, nicht „Nu“. Weil wir aber bis zur ersten Korrektur schon gefühlte 1000 Mal CampNuCampNuCampNu gesagt hatten, geht es jetzt auch nicht mehr weg.
Und prompt finden wir nicht hin.
Ich hab sowieso keine Lust. Das Wetter ist schlecht, es sieht nach Regen aus, ich hab keine Lust zu laufen, ich bin müde, ich hab Hunger, ich habe kein Interesse an einer Stadionführung.
Der V. schon. Aber nicht lange.
Auf dem Stadtplan sieht alles so einfach aus, mit der U-Bahn zur Haltestelle „Maria Cristina“ fahren, aussteigen, Stadion, fertig.
Wir steigen aus der Bahn, V. geht dynamisch vorneweg, ich schlurfe unmotiviert hinterher. Wo müssen wir jetzt hin? Keine Ahnung. Ist mir wurscht. Will sitzen. Will Cafe con Leche.
V. will ins Stadion und nicht von mir genervt sein. Gelingt ihm beides nicht.
Da nirgendwo „HALLO DEUTSCHE TOURISTEN HIER GEHT ES ZUM STADION“ steht, nehmen wir den Ausgang „Arenas“. Weil, sagt V., ist doch logisch, „Arenas“ meint Arena. Leiten wir mal schnell ab von „Allianz Arena“, die ja in München auch noch der letzte Fußballbanause findet.
In Camp Nou möchte man das wohl nicht, weshalb V. und ich, mit jedem Meter schlechter gelaunt, ungefähr eine halbe Stunde in die falsche Richtung gehen. Wenn wir nebeneinander laufen, blaffen wir uns an, ansonsten halten wir einen Abstand von mindestens einem Meter. Schließlich kehren wir zum Ausgangspunkt U-Bahn-Haltestelle zurück und V. fragt an einem Zeitungskiosk wo es zum Stadion geht. Ach ja, nur die Straße runter und dann links. Dankeschön.
Wir muffeln als die letzten Meter bis zu Camp Nou, das ein hässlicher Betonklotz ist und 17 Euro Eintritt kostet. Davor herrscht eine Atmosphäre wie im Zoo. Nach fünf Minuten im „Mega Store“ kommt V. noch muffeliger wieder heraus und wir treten den Rückzug an.


V. vergisst seine Frau

Zwei Tage nach dem Länderspiel beugt sich V. morgens über die Zeitung, lacht und sagt:

„Das war wirklich so wie es hier steht, weißt du. Wenn die Deutschen den Ball hatten, hat das Publikum gebuht und bei den Pässen der Argentinier gejubelt.“
Ich sehe ihn für eine lange Minute an, bis ich sage:
„Ich weiß. Ich war dabei.“
„Ach, Mensch, stimmt! Wie peinlich. Das hätt ich fast vergessen!“
Ist auch besser so. Vergessen wir einfach, dass ich im Stadion war. Ist mir auch lieber.

Das Messi-Syndrom

„Chef“, rief ich beherzt über den Flur. „Ich muss Ihnen was gestehen.“

Ich hatte erwartet, er würde erstarren, in Gedanken schnell alle verfügbaren Möglichkeiten durchgehen, was ich nun gestehen könnte, aber er sagte nur:
„Ach, Sie waren das.“ Es klang gequält. (Schon vor langer Zeit hatte er mir Stadionverbot erteilt.)
Ja, ich war das. Ich war im Stadion. Tut mir leid.
Es war aber auch ein quälend langer Abend gewesen, in quälender Kälte. Skiunterwäsche wärmt nicht grenzenlos, das weiß ich jetzt. An kalten Abenden in zugigen Fußballstadien stellt sie spätestens gegen Ende der ersten Halbzeit ihre Dienste ein. Ungefähr zusammen mit dem Torwart der deutschen Nationalmannschaft.
Aber von vorne. Diese Geschichte begann schon vor Weihnachten, als T. mich binnen Minuten überredete mit zum Spiel Deutschland – Argentinien zu kommen.
„Du weißt doch wie das ausgeht“, sagte ich. „Du warst doch schon mal mit mir bei einem Länderspiel, du warst hinterher sauer auf mich, weil Deutschland drei-null gegen Tschechien verloren hat. Du wolltest mich nie wieder mitnehmen.“ (Wir erinnern uns.)
„Quatsch. Das wird lustig.“
Darauf die Reaktionen der anderen Teilnehmer:
V.: „Super! Ich glaub an dich! Du brichst den Fluch!“
B. (auf T.s Ankündigung, er hätte Karten, ob B. eine wolle, leicht panisch): „Geht deine Schwester mit?!?!“
S. (auf T.s Ankündigung, er hätte Karten, ob S. eine wolle, leicht panisch): „Geht deine Schwester mit?!?!“
Ich glaube, wie B. und S. haben auch einige junge Nationalspieler reagiert, nur dass man sie zu spät gewarnt hat.
Wahrscheinlich hat erst kurz vor Spielbeginn jemand dem jungen René Adler auf die Schulter getippt und gesagt: „René, cool bleiben, sie ist hier. Guck, da oben, Südtribüne, Block 219, Reihe 21. Aber mach dir keinen Stress, sie bricht den Fluch.“
Woraufhin René Adler die ganze erste Halbzeit lang mit den Augen die Südtribüne absuchte, sich der besseren Sicht wegen in der 44. Minute zu weit vom Tor entfernte und… na ja. Das war dann das 1:0 für Argentinien.
Oder die anderen. Sicherlich hat dieser jemand kurz vor dem Einlaufen Ballack, Podolski und Klose beiseite genommen, sie traurig angesehen und gesagt: „Also, es ist wieder passiert. Sie ist da. Südtribüne, Block 219, Reihe 21. Es ist wie damals gegen Tschechien. Ihr kennt das. Macht euch keinen Kopf. Ist ja nur ein Freundschaftsspiel.“
Aber die Herren gerieten trotzdem aus dem Takt und standen so verwirrt auf dem Platz herum, als müssten sie erst überlegen, wie das nun wieder geht mit dem Ball.
Zum wiederholten Mal ziehe ich daraus die Lehre: Nie wieder Stadion.
Nix da, sagt V. Jetzt erst recht. Auf 20 schlechte Spiele folgt ein gutes.
Zählt das pro Mannschaft? Muss ich mir noch 18 mal die Nationalmannschaft anschauen?
Nein, sagt V., das zählt insgesamt.
Wenn ich richtig gerechnet habe, liegen also noch 13 frustrierende Stadionbesuche vor mir.
Wer kommt mit?