Schlagwort-Archiv: Saison 2010/11

In Echt. Oder in Spiel?

Heute beim Kinderwagen-Schieben kam mir ein Typ im St.-Pauli-Shirt entgegen, da konnte ich mir ein hämisches Grinsen wirklich nicht verkneifen.

Wahrscheinlich hat sich der Typ gefragt, warum die Mutti mit dem Kinderwagen so blöd lacht (dabei ist es ein Kinderwagen in Club-Farben!!! Halloooo!), aber auch egal.
Während ich mich immer noch etwa stündlich frage, ob das am Samstag nun wirklich passiert ist.
In Echt.
5:0 gegen St. Pauli, das klingt nicht nach einem realen Club-Spiel, sondern nach einem dieser Fantasie-Ergebnisse, die der V. am Computer bei „Fifa 10“ einfährt, aber auch nur wenn er auf Stufe „Easy“ oder „Amateur“ spielt. Dann gewinnt er auch gegen Liverpool gerne mal so hoch wie andere nur in der E-Jugend.
In Spiel.
(Zum besseren Verständnis, es existieren die Stufen Easy, Amateur, Semi-Pro, Professional, World-Class… und…. festhalten: Legendary. Der V. ist gerade bei Semi-Pro angelangt und hat versucht, mit niederländischem Kommentar zu spielen. Hat es wieder gelassen. Zu der Einsicht ist der FC Bayern nun ja auch gelangt.)
Wie verkraftet der V. also dieses sehr reale, echte 5:0?
Die Antwort ist: Gar nicht.
Als jahrelanger Club-Fan hat er es versäumt, sich Verhaltensweisen anzueignen, die er bei Siegen, vor allem bei mehreren in Folge, abrufen kann. Die Gelegenheit wäre in der extrem erfolgreichen Saison 2006/07 (Pokalsieg) günstig gewesen, aber danach ist der Club ja gleich wieder abgestiegen.
Der V. verhält sich jetzt mangels, ich nenne es mal, Erfolgspraxis, wie bei einem gerade so heim gebrachten Unentschieden. Auch wenn er natürlich weiß, dass der Club drei Punkte geholt hat und in der Tabelle nur knapp hinter den Bayern liegt, vermittelt sein Gesichtsausdruck eher ein resigniertes „Na ja, wenigstens ein Punkt“.
Dass das Schicksal es ihm vorenthielt, auch nur eine Minute dieses Hammerspiels im Fernsehen zu sehen, versteht sich von selbst. V.s Fluch bei Club-Siegen ist das Äquivalent zu meinem Stadionbesuch-ist-gleich-Niederlage-Fluch.
Gewinnt der Club, verpasst der V. die Zusammenfassung im Fernsehen.
Zuerst in der Sportschau.
V. schaltet ein, da dauert der Beitrag für das Club-Spiel nur noch ein paar Sekunden.
Dann im Aktuellen Sportstudio. Während Poschmann einen Hannover-96-Spieler interviewt schläft V. ein, als er erwacht, ist der Club-Beitrag längst versendet.
Sonntags zeigt Sport1 die Bundesliga zwei Mal, wieder schaltet der V. zu spät ein, am Nachmittag fällt die Bundesliga aus, wegen Tennis. Tennis!
Vielleicht ist der Fußballgott ja abergläubisch und lässt den V. die Club-Siege nur deshalb nicht sehen, damit es weiter bei Siegen bleibt.
Apropos Aberglaube: Ist Jürgen Klopps Barthaar deshalb so struppig oder hat er eine Wette laufen? Wird er sich bis zur sicheren Meisterschaft nicht mehr rasieren? Neun Spieltage lang? Die Meisterschale mit Rauschebart entgegen nehmen? Muss ich das dann in HD sehen?
Bitte nicht.

V. sucht

Wenn das Fräulein Magath mal schläft, dann sieht unser Abend so aus wie jetzt:

Der V. und ich sitzen uns schweigend gegenüber, der V. trägt Kopfhörer, drückt im Sekundentakt Computertasten und brummt dabei. Das Ganze nennt sich „Fifa 10“, und in dieser virtuellen Welt spielt der V. so virtuos, dass der Club mindestens Weltmeister wird.
Gespielt hat der V. aber schon lange nicht mehr, erst hat ihn das Fräulein Magath nicht gelassen, dann hat er die CD mit dem Spiel nicht gefunden.
„Ich hab schon überall gesucht“, jammert er, was bedeutet, er hat nur oberflächlich geschaut und vor allem nicht da, wo das Spiel sich befindet.
Wie neulich mit den Handschuhen: „Wo sind die nur, ich such die schon seit einer Woche, ich hab doch schon überall geschaut.“
„Auch im Auto?“, frage ich.
„Natürlich“, motzt er, „da ja wohl als allererstes“, während ich im Augenwinkel wahrnehme, wie die Handschuhe verzweifelt am Autofenster auf und ab hüpfen und rufen „Hallooooo, hier sind wir, er hat uns nicht gesehen, obwohl wir seit einer Woche hier liegen!“
„Da sind sie doch“, sage ich mit meiner Das-Hirn-in-der-Beziehung-bin-ja-wohl-ich-Stimme, worauf er zurecht ein bisschen sauer ist, aber mir auch ein bisschen recht gibt, und dann befreit er die Handschuhe aus ihrem Gefängnis auf der Rücksitzbank.
„Es gibt da diese Schachtel, da hab ich irgendwann mal alle Computerspiele rein“, sage ich jetzt.
Jauchzen. Frohlocken. Preisen meines Ordnungssinns. Verzweiflung.
„Oh nein, in der Fifa-Hülle ist ja Drakensang! Und in der Drakensang-Hülle ist nichts! Wieso ist denn die Fifa-CD in der Oblivion-Hülle?“ (Manchmal spielt der V. auch so Fantasy-Zeugs.)
Was sonst geschah:
Der Club spielt gut, fast zu gut, um dieses Blog ordentlich zu führen. Dem Club-Fan an meiner Seite und vielen anderen auch steigt das mit den vier Siegen in Folge (zuletzt 1989!) mal wieder zu Kopf, da wird schon wieder von „international spielen“ und „Euro-League, also Uefa-Cup“ gefaselt, da will man wieder zu viel.
Ich persönlich bin immer noch irritiert, wenn Nürnberg in der zweiten Tabellenhälfte nicht zu finden ist, und will dann reflexartig eher noch weiter unten suchen als einfach ein Stückchen weiter oben. Ansonsten freue ich mich für Dortmund, da kann man mich jetzt wieder Event- oder Schönwetter-Fan schimpfen, da lach ich doch, in meiner Familie hat die Affinität für den BVB eine lange Tradition, schon vor fast 20 Jahren habe ich „18“ und „Ricken“ auf T-Shirts gepinselt (ok, es war 1996 oder 1997, aber das ist echt lange her).
Einen neuen Fernseher haben wir jetzt auch. Letztlich wurde nicht lange gefackelt, der alte hat sich immer noch bemüht, aber dann klappte das Bild seitlich so ein, der Ausschnitt wurde immer schmaler und dem V. wurde es zu blöd. An einem Samstag verkündete er schließlich „Ich geh jetzt los und kauf einen neuen Fernseher.“ Zwei Stunden später war er mit einem obszön großen Teil (40 Zoll oder so) zurück, noch mal fünf Minuten später wollte ich nie wieder einen anderen Fernseher.
Auch wenn mich seitdem Felix Magaths Nase in meinen Träumen verfolgt und meine Schwärmerei für Jürgen Klopp doch leicht erkaltet ist.
High Definition hat was unromatisches.

Nichts ist normal

Seit die FußballerIN da ist, läuft der Fußball ein bisschen neben her. Zumindest bei mir. Ich höre mich oft fragen „Gegen wen spielen wir heute?“ und vergesse es gleich wieder. Frage noch mal. Frage dann nach unserem Tabellenplatz. Kann es nicht glauben. Schläft das Kind, muss ich das gleich noch mal im Videotext überprüfen. Stimmt auch noch. Punktgleich mit Bayern.

Das ist doch nicht normal.
Nichts ist normal in dieser Bundesligasaison, sagt V.
Davon wird er der FußballerIN an ihrem 30. Geburtstag noch erzählen. Du kamst auf die Welt, und die Bundesliga stand Kopf. Aber so richtig. Mainz Tabellenführer mit sieben Siegen in Folge, Stuttgart und Schalke auf Abstiegsplätzen, und der Club mittendrin, Ende Oktober mit so vielen Punkten wie vergangenes Jahr zu Weihnachten.
Aber seit die FußballerIN da ist, ist ja auch bei uns nichts normal. Alles diktiert die neue Cheftrainerin, die neue Clubpräsidentin im Haus, die Trainermanagerin, unser kleiner Felix Magath.
Obwohl sich langsam ja das meiste wieder normalisiert. Wir emanzipieren uns ein bisschen von Fräulein Magath. Wir versuchen es.
Zum Beispiel schlief die FußballerIN gestern doch tatsächlich mal gegen 22 Uhr ein. Oder simulierte zumindest Schlaf. Schlich ich angespannt auf Wollsocken übers Parkett Richtung Tür, verharrte bei jedem Knarzen einige Sekunden (Zuckt das Kind? Wacht es etwa auf? Grunzt es nur? Oder ist das schon die Heul-Vorstufe?), erreichte schließlich das Wohnzimmer, voller Vorfreude, Bayern-Bremen, wenigstens fünf Minuten – da sagt der V.: „Ist schon aus. Bayern hat gewonnen.“ Aber ich wollte doch Elfmeterschießen.
Was außerdem nicht normal ist:
Niemand hat uns Club-Kleidung fürs Kind geschenkt. Hat sich keiner getraut. Ausrede: „Wir dachten, ihr hättet schon so viel von anderen bekommen.“ Mussten wir nun selber bestellen. Wird hier vorgeführt, wenn es passt. Ebenso der Fan-Body der SG Gabolshausen/Untereßfeld, der ist sogar eine Einzelanfertigung.
V. trägt Tragetuch. Fand er vor Ankunft der FußballerIN noch „affig“ („Kannst vergessen, dass ich mir so ein Ethno-Tuch umbinde“), trägt er jetzt mit Hingabe. Sagt, damit flirteten ihn Frauen an, die hätten ihn früher nicht mal bemerkt. Ich war Zeuge. Neulich, der V. hatte sich das Kind wieder an die Brust geschnallt, kam uns eine Gruppe Frauen entgegen und schmolz bei seinem Anblick schier dahin. „Ohhhhhh, wie süß!“
Ich war beleidigt. Wenn ich mir das Kind umbinde, fragen mich alte Omas, ob ich ihm damit nicht die Knochen kaputt mache.