Schlagwort-Archiv: Saison 2009/2010

24. Spieltag. Bochum.

V. und ich sind nun Onkel und Tante des kleinen E.

Das macht uns nicht nur sehr stolz, nein, wir finden auch, dass man E.s fußballerische Orientierung nicht früh genug in die richtige Richtung lenken kann. Vor allem, wenn der junge Vater Mainz-Fan ist.
Erste Schritte haben wir bereits unternommen:
1. In V.s Arm geparkt, starrte E. (5 Wochen) mehrere Minuten gebannt auf das Club-Logo an V.s  Brust. 
2. Gleichzeitig sangen V. und ich dem Kleinen ganz leise „Die Legende lebt“ vor.
E.s Reaktion: Kein Mucks. Konzentriertes Zuhören. Fokussierung des Club-Logos ohne einen Wimpernschlag. Guter Junge.
Der Anfang ist gemacht.

23. Spieltag. Bayern München.

Freitagabend. Wir spielen wieder das Tipp-Spiel. Ich fange an.

„Und, was hast du getippt?“ Ich halte das für eine rhetorische Frage, auf die ich die Antwort längst kenne. Unentschieden.
Aber er weicht meinem Blick aus, er dreht sich weg, wie jemand der etwas Schreckliches getan hat und murmelt „Is doch egal“.
Das kann doch nicht sein… Er hat doch nicht… Hat er wirklich… „Du hast auf Sieg für BAYERN getippt?!?!?“ 
Er verlässt wortlos den Raum.
Samstagnachmittag. Wohnzimmer. Auf dem Sofa: Ich. Am Computer: V.
Er hört das Spiel Nürnberg gegen Bayern über Internetradio, er trägt dabei einen Kopfhörer, der alle Außengeräusche ausblendet. Das heißt, ich kann dumme Sprüche wie „Nürnberg steigt ab“ machen, worauf er irritiert die Kopfhörer hebt und „Was?!“ ruft.
Es kommentiert der kongeniale Günther Koch, der in letzter Zeit immer öfter Spielernamen verwechselt. Aus Per Kluge wird Mike Kluge, aus Andi Wolf Uwe Wolf. 
„Ein Uwe Wolf hat mal beim Club gespielt“, sagt V.
„Wann?“
„In den Sechzigern.“
In den folgenden 90 Minuten beobachte ich interessiert, wie V. das Spiel verfolgt. 
Erst entspannt-konzentriert, dann locker-frustriert (1:0 Bayern), mittendrin springt er plötzlich auf, ruft „JA!“ (1:1 Club), schließlich sinkt er immer mehr in sich zusammen, die Stirn berührt fast die Knie, das Gesicht vergräbt er in seinen Händen.
In den letzten Spielminuten sitzt vor mir ein verkrampftes Häuflein Elend, das verzweifelt „Pfeif doch endlich ab!“ wimmert.
Am Ende hat der Club den Bayern tatsächlich ein Unentschieden abgetrotzt.
Während ich den Raum verlasse, sagt Günther Koch: „Eins zu eins gewinnt der Club gegen Bayern München.“
So kann man das natürlich auch sehen. Abend gerettet, V. völlig erschöpft.

18. Spieltag. Schalke.

„Gegen Schalke, ist das eigentlich ein Heimspiel?“

„Nein, wieso?“
„Schade, sonst hätte ich ja mal mit ins Stadion gehen können. Ich meine, ein Spiel, das sie sowieso verlieren kann ja auch keine Schuldgefühle bei mir auslösen, oder?“
„Gute Idee! Das machen wir demnächst! So baust du den Fluch ganz langsam ab! Das funktioniert bestimmt!“
Oha, denke ich. Seit wann so fatalistisch? Ergibt er sich dem Abstieg?
Von wegen.
„Was hast du getippt?“
„Unentschieden natürlich. Und du?“
„Zwei-null Schalke.“
„Du Schwein.“

Heizdecken! S A L E !

Das neue Jahr war noch keine 14 Stunden alt, da behauptete das Internet, Roy Makaay würde zum Club wechseln. V. hyperventilierte schon.
Roy Makaay ist Holländer und hat mal bei den Bayern gespielt. Die korrekte Schreibweise seines Namens musste ich googeln. Früher dachte ich immer Rheuma-Kai wäre ein Spitzname (alternative Schreibweise: Rheumakai) oder eine Heizdecke, die nur auf Shoppingkanälen im Fernsehen verkauft wird. Dann dachte ich mal, es handele sich um die Bezeichnung für ein sehr kompliziertes asiatisches Gericht (geschrieben: Roi-ma-kai), das aus vielen unaussprechlichen Zutaten besteht.
Aber nein, es war ein Fußballspieler.
Das Gerücht, Roy Makaay würde zum Club wechseln, kam in die Welt, weil (O-Ton V.) „ein Nürnberger Pizzabäcker behauptet hat, er wäre sein Manager“. Vielleicht war’s auch der Inhaber eines China-Restaurants. Oder eines Geschäfts für Friseurbedarf. Vielleicht auch jemand, der Heizdecken verkauft. Egal. Der Wechsel kam nicht zustande.
Glaubwürdig war die Sache für V. trotzdem. Marek Mintal, das Phantom, wurde seinerzeit von einem Nürnberger Autohändler entdeckt.
Worauf V. auch sofort einen Spieler entdecken wollte.
Ich dachte so darüber nach, wie man das wohl anstellt, einen Spieler entdecken – ich stelle mir das recht zeitintensiv vor, wie kann man da nebenbei noch Autos verkaufen?
Irgendwie brachte mich das dann zu der Überlegung, wie das überhaupt läuft, wenn der V. und ich zusammen Dinge entdecken. Oder kaufen.

Das läuft so:

Wenn der V. ein neues Ding haben will, am besten eines, das man gar nicht so wirklich dringend aber schon irgendwie braucht, kann er auf mich zählen.
Zum Beispiel wenn es sich um goldene Volvos handelt, um ein zusätzliches Abspielgerät für Musik, Langlaufskier, silberfarbene Laptops, Fernseher… ach, die Liste ist lang.
Der V. weiß, er braucht nur ein klitzekleines, aber wirklich nur ein winziges bisschen Geduld.
Er weiß, zuerst werde ich die Vernünftige spielen. Die Sachliche, die sagt: „Überleg doch mal, V., das ist rausgeschmissenes Geld. Wir sind bisher super ohne das Ding klar gekommen. Wir haben schon so ein Ding, nur älter/kleiner/weniger schick. Das Ding ist überflüssiger Schnick-Schnack. Komm, V., bleiben wir vernünftig.“
(Hier orientiere ich mich lose an Verhaltensweisen meiner Mutter. Sie schafft es, Dinge manchmal über Jahre abzuwehren, aber mein Vater ist ein geduldiger Mensch.)
Dann werde ich mit fester Stimme sagen: „Ich will das Ding sowieso nicht.“
Jetzt muss der V. cool bleiben. Er darf nicht widersprechen. Die „Du-willst-es-doch-auch“-Nummer entfernt ihn nur von dem Ding. Wenn er das Ding unbedingt haben will, darf er höchstens ein bisschen schmollen oder traurig nicken und sagen: „Du hast ja recht.“
Natürlich hab ich recht. Und ich will hören, dass ich es habe.
Keine Woche später werde ich brechen. Ganz von alleine. Ich werde aufschreien, meinen Kopf gegen die Wand schlagen und rufen: „Ich will das Ding! Kauf mir das Ding! Hol es jetzt sofort! Was machst du noch hier???“
Und dann geht der V. los und kauft das Ding.