Schlagwort-Archiv: DFB-Pokal 2006/2007

Oh.

Das kurzangebundene „oh“ ist eine sehr schöne Antwort. Selten drücken zwei Buchstaben so viel aus. Zum Beispiel als Reaktion auf die Aussage „Mein Bruder ist Fan von Borussia Dortmund.“

„Oh.“ sagt mein Gegenüber. Es ist kein langgezogenes „oh“, auch kein Ausruf und es ist schon gar nicht laut. Nein, es kommt leise, knapp und der Punkt schwingt noch mit. „Oh“ heißt in diesem Fall „Mensch, das tut mir aber leid, na ja, da kann man nichts machen, die waren ja wirklich mal gut, aber jetzt, hm, wird schon wieder.“

Früher war das auch eine gängige Reaktion auf „V. ist für Nürnberg.“

Jetzt aber haben sich die Zeiten geändert und ein schönes Beispiel dafür ist das Gespräch, das V. mit unserem jungen Bayern-Fan B. am vergangenen Wochenende führte. Deutschland hatte gerade 6:0 gewonnen und trotzdem schlecht gespielt und weil die deutsche Nationalmannschaft deshalb nicht viel Gesprächsstoff hergab, ließen die beiden also noch mal die Saison und das Pokalfinale Revue passieren.

Ich erinnere gerne noch einmal daran, dass B. am Anfang der Saison, in schönster Hoeneß-Rummenigge-Manier irgendwas von mästen und dann schlachten faselte.

Knapp neun Monate später hörte sich das dann so an: Er habe sich da ja schon weit aus dem Fenster gelehnt, einem guten Start in die Saison unterstelle man ja Abstiegsgefahr an deren Ende, das nehme er jetzt natürlich gern zurück und dass er im Pokal auf Stuttgart getippt habe gleich dazu.

Dann schimpfte er mit V. ein bisschen über die Einkaufspolitik des FC Bayern, die aus meiner Sicht vergleichbar ist mit einem geistig umnachteten Zug durch die Kaufinger Straße, an dessen Ende einem die Henkel der Tüten in die Finger schneiden und man trotzdem keine wirklich tollen Klamotten mit nach Hause trägt.

Oh.

Gewonnen.

Es ist sehr schwer, für diesen Eintrage eine passende Überschrift zu finden, es bieten sich zu viele an: Meisterbesieger, Trainerfuchs, Marek Mintal Fußballgott, Pokalsieger, Pottgewinner, das Wunder von Berlin…

Tag sechs nach dem Pokalfinale: Vor zwei Tagen meinte V. er sei etwas überfordert angesichts der Flut von Nürnberg-lobenden Zeitungs- und Internetartikeln, die er alle lesen müsse und wolle. Er sei in ein Loch gefallen, ein bisschen. Wahrscheinlich ist das wie bei einer wichtigen Prüfung vor der man sich tierisch in die Hose macht und dann war alles gar nicht so schlimm und man hat plötzlich nichts mehr zu tun.

Aber ein schönes Spiel war es schon, mal abgesehen den bösen Fouls der Stuttgarter und der Tatsache, dass wir fast zwei Stunden um Marek Mintals Mittelfuß zitterten. Dass er zur Siegerehrung auf den Platz gehumpelt kam, trieb uns fast die Tränen in die Augen.

Und V.? War nach dem Finale fast wie gelähmt, schüttelte den Kopf, starrte ungläubig in Richtung Fernseher. Pokalsieger, sowas.

Es wird jetzt also weiter gehen, auch hier im Blog: Uefa-Cup, Deutscher Meister, Champions League, Weltherrschaft: Spätestens 2012 wird Michael A. Roth Fifa-Präsident.

Zur Legende wiederum ist ja Hans Meyer geworden, dem sie jetzt wahrscheinlich vor dem Frankenstadion ein Denkmal bauen, ähnlich dem Shankly-Abguss vor Anfield Road (zum Liverpool-Desaster gegen Mailand wollen wir hier mal schweigen).

An Eloquenz ist er ihm jedenfalls ebenbürtig. Am besten hat mir am Samstag eigentlich Moni Lierhaus‘ Interview mit Meyer und Veh gefallen. Meyer reagierte ein bisschen genervt auf die Frage, wie die Nürnberger das denn geschafft hätten, den Deutschen Meister zu schlagen.

Meyer brummelte was von „weiß ich doch nicht, wie soll ich das auch wissen, so kurz nach dem Spiel ist doch auch egal.“ Tja, dann gab Moni die Frage halt weiter an den salzsäulenhaft erstarrten Armin Veh.

„Herr Veh, warum haben Sie gegen Nürnberg verloren?“

Veh kam nicht dazu zu antworten.

„Das ist jetzt mal ne gute Frage“, grinste Meyer.

Und die Antwort ist uns eigentlich scheißegal.

Reise nach Berlin gewonnen

Vergangene Nacht wurde V. von meinem lauten Lachen wach, jedenfalls erzählte er das heute morgen. Als er mich fragte, warum ich lache, soll ich nach einigen unverständlichen Grunzern geantwortet haben: „Hihi, mein Halbfinalgewinner.“
Selbst wenn V. das nur geträumt hat, es hat ihn sehr gefreut.

Ich wusste nicht, dass der Club mich mittlerweile sogar nachts verfolgt, normalerweise träume ich sehr wirre Sachen, zum Beispiel, dass ich mich nur hüpfend fortbewegen kann oder jemand meine Haare leihen will. Natürlich kann ich mich nicht erinnern, ob und wie ich vom DFB-Halbfinale geträumt habe.

Zuallererst war ich gestern von V.s hysterischer Aufregung genervt. Also habe ich Freundin A. angerufen. Zu meiner Überraschung ging K. ans Telefon, mit dem sie sich ein Haus teilt. K. kennen wir, das war der Fan der an Weihnachten verkündete, nie wieder ein Club-Spiel besuchen zu wollen. A. schlief auf dem Sofa.

Beim 2:0 war sie dann ganz froh, dass ich angerufen hatte, von K.s Jubelrufel hätte sie im Schlaf sicherlich einen Herzinfarkt bekommen. In den nächsten Minuten hörte man K. dann nur fluchen, weil er nicht im Stadion war. „Aber Schatz, dafür haben wir doch im Garten echt was geschafft“, hörte ich A. sagen.

In der zweiten Halbzeit habe ich dann auch noch ein bisschen V.s Hand gehalten, aber nur die eine, mit der anderen musste er Daumen drücken, 90 Minuten lang.

Es ist ein sehr komisches Gefühl jetzt mit jemandem zu leben, der Fan einer erfolgreichen Mannschaft ist. Ich kenne das nicht, ich finde es sehr ungewohnt. Manchmal ist es ein bisschen, als hätte ich die Beziehung gewechselt. Dann bin ich kurz verwirrt und merke aber schnell: Glücklicherweise ist es der gleiche Mann. Und der gleiche Club.

Nur irgendwie anders.

Live dabei

Es ist ein besonderer Tag, V. kann gar nicht aufhören, dies zu betonen. Müsste er auch gar nicht, man merkte es auch so, am Hans-Meyer-Interview in der SZ, an der Autogrammkarte von Michael A. Roth auf dem Wohnzimmertisch und dem neuen Clubtrikot. V. hat es ganz neckisch auf dem Sessel drapiert, zusammen mit dem etwas älteren aus der Saison 1998/99.

Anziehen will er es nicht. Zuerst behauptet er, sich nicht zwischen neu und alt entscheiden zu können, aber die Wahrheit ist: Beide Trikots sind sehr groß. Er weigert sich auch schlicht, das neue Trikot anzuziehen, aber er wird es irgendwann tun müssen, damit ich es für diese Seite hier bildlich festhalten kann.

Als ich nach Hause komme begrüßt er mich mit „Ich bin so aufgeregt, dass ist schlimmer als Europameisterschaft“, bügelt hektisch noch ein paar Hemden und flitzt hysterisch durch die Wohnung. Leider sind keine Fußballfreunde gekommen und so muss ich heute Händchen halten. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass Dienstag mein Krankenhausserientag ist und ich jetzt Dr. House und den sehr schönen Dr. Shepherd verpasse.
Nachdem ich auf dem Wohnzimmertisch die Autogrammkarten von Saenko und Engelhardt gesehen habe, muss ich gestehen – das DFB-Halbfinale ist in dieser Hinsicht keine Alternative.

Während ich hier schreibe, fällt schon das erste Tor. In der 14. Minute, die wir gerade haben, steht es schon 1:0 für Nürnberg. V: „Ich bin total aufgeregt, wir führen, aber pfffff….. Frankfurt ist echt stärker. Der Club steht zu weit hinten drin.“

Es ist nicht einfach, mit dem Rücken zum Fernseher zu sitzen. Die Stimme des Kommentators wird lauter, V. ruft „ja, Saenko“, ich frage „Tor?“ – aber da war nichts. Aber Saenko war da.

Jetzt muss ich mal gucken gehen.

Rein mit der Hutzel

Das dritte Wochenende ohne Bundesliga, dafür mit Papst und DFB-Pokal. Während sich viele fragen, warum der Papst nur Bayern besucht, will ich wissen: Wofür der DFB-Pokal? V. zweifelt an Thomas Hitzelsbergers Daseinsberechtigung im deutschen Fußball, ich möchte fragen: Worin besteht die Daseinsberechtigung des DFB-Pokals? Oh schön, es gibt noch was zu gewinnen!!! Oh schön, endlich können sich Kreisligisten wie vielleicht T. bei der SG Gabolshausen/Untereßfeld auch mal den Traum erfüllen, gegen Bayern München zu spielen? Aber was ist das für ein Traum, der wahrscheinlich mit einem 25:1 endet?
Theoretisch kann beim DFB-Pokal jeder gegen jeden ausgelost werden, praktisch kommen die Bayern immer ins Finale, so wie sie auch immer Deutscher Meister werden. (Was sich, wie wir wissen, in dieser Saison durch den aktuellen Tabellenführer dramatisch ändern kann)
Wofür also DFB-Pokal? Für Wochenenden wie diese, ohne Länderspiel, ohne Bundesliga, als Alternative zum Papstbesuch?
V. hat dieses Wochenende sehr pragmatisch gestimmt. Die Bundesliga-Euphorie verraucht, die Realität ist eingezogen. Der Club hat sich gegen den von V. als „westfälisch“ bezeichneten Verein aus dem niedersächsischen Cloppenburg ein bisschen schwer getan, aber, so hat V. mir während der Sportschau erklärt, das Ergebnis zählt: „Hauptsache, die Hutzel ist drin.“
Das hat er früher auch gesagt, als wir noch keine WM im eigenen Land hatten und die deutsche Nationalmannschaft mal wieder „keinen schönen Fußball“ gespielt hat.
Immerhin ist der DFB-Pokal für böse Überraschungen gut: Hamburg und Bremen sind draußen. Da kann auch der Papst nicht mehr helfen, aber der ist ja in Bayern. Und nur da.