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Champions League, total interaktiv

Früher hätte ich an einem Abend wie gestern folgendes getan:
– V. verabschiedet, der sich das Bayern-Spiel in der Kneipe nebenan anschauen wollte.
– Noch mal blöd gefragt: Wer spielt? Aha. Champions League? Soso. Schon Halbfinale? Tschüß.
– Bisschen Küche aufgeräumt.
– Bisschen gebügelt.
– Bisschen Nägel lackiert.
– Die letzte Folge von Grey’s Anatomy im Internet nachgeguckt.
– Bisschen bei Facebook geschaut.
– Bisschen gelesen.
– V. begrüßt, der mir von einem krassen Spiel erzählt und unsympathischen Bayernfans. Aha. Soso. Gute Nacht.

Aber mit etwas Fußballwissen und dem Anspruch, informationsmäßig völlig auf der Höhe zu sein, war das so:
– V. verabschiedet. Kind ins Bett gebracht.
– Noch schnell Küche aufgeräumt, Pizza in den Ofen getan.
– Fernseher genau rechtzeitig angemacht, um Jupp Heynckes rote Birne zu betrachten.
– Internet angemacht.
– Twitter angemacht.
– 11 Freunde-Liveticker angemacht.
– Versucht, selbst was bei Twitter zu posten. Kam mir dann zu banal vor.

(Ich bin ja sehr langsam mit neuen Entwicklungen, wahrscheinlich langsamer als meine Oma. Ich find alles erstmal blöd. Digitalkameras, Laptops, Facebook, Smartphones, Twitter. Dann kann ich nix damit anfangen. Dann mache ich auf „Retro-Alte-Werte-Mich-Kriegt-Ihr-Nicht“. Dann haben/benutzen alle dieses neue Ding. Dann will ich es ganz dringend auch. Und bin sehr bemüht, mir nicht anmerken zu lassen, wie NEU das alles für mich ist. Ich meine: Twitter!!! Meine Oma macht das wahrscheinlich schon längst.)

Fazit:
– In der ersten Halbzeit bin ich total überfordert. Ich lese Banalitäten im Twitter-Stream, schaffe es nicht, gleichzeitig auf den Fernseher zu schauen und erfahre erst bei 11 Freunde, wie spannend das Spiel eigentlich ist. Natürlich verpasse ich das 1:0. Bin aber schon geplättet, wie gut die Bayern spielen. Die Pizza wird kalt.
– In der zweiten Halbzeit klappt es schon besser. Ich esse die Pizza auf, mache mich an die Bügelwäsche, schaue nur noch alle 10 Minuten in den Stream und den Ticker und heule mich dafür bei Facebook aus. Dann schaffe ich es sogar, mir noch die Nägel zu lackieren und ein bisschen was vom Spiel zu gucken.
– Poste noch eine Banalität über Ronaldos Schuhe.
– Begrüße V., der mir vom krassen Spiel und den unsympathischen Bayernfans erzählt.
Gute Nacht.

Pubertäre Champions League

Die coolen Jungs sind ja auch nicht mehr das, was sie früher waren.
Zumindest haben sie keine Ahnung von Fußball.

Heute in der S-Bahn.
„Gegen wen spielt Barcelona eigentlich?“
„Weiß nich. Und die Bayern?“
„Inter Mailand.“

Ich möchte über die zwei Sitzreihen, die uns trennen, springen, ihm den Pony aus dem Gesicht klappen und schreien: „Chelsea!!! Real Madrid!!! Bitte sag, dass du das nur nicht weißt, weil du dich mehr für Altgriechisch interessierst!“

Aber so sieht er nicht aus.

Michael.

Der V. ist angefressen. Nein, nicht weil die Bayern 1:0 gegen Villareal führen.

(International ist man ja für die Bayern, muss man für die Bayern sein, das hat was mit Mathematik zu tun. Was, hab ich aber vergessen und sowieso nur rudimentär verstanden. International muss man jedenfalls für die Bayern sein, so wie meine Oma mal gesagt hat, dass man für die Bayern sein muss, weil wir nun mal in Bayern leben. Da Franken seit über 200 Jahren nicht mehr eigenständig ist, entbehrt das nicht einer gewissen Logik.)
Der V. ist also angefressen und es hat nichts mit Fußball zu tun, eher mit seiner derzeitigen Lebenssituation, die sich fast ausschließlich zu Hause und mit dem Fräulein Magath abspielt. Nun kann der eine oder andere einwenden, mit HERRN Magath wolle er auch nicht so viel Zeit verbringen, am besten gar keine, aber ich kann versichern, mit dem FRÄULEIN Magath ist es nicht ganz so schlimm. Nur manchmal ein bisschen anstrengend. Das nennt sich dann Elternzeit. Andere Männer reisen in dieser Zeit nach Neuseeland, der V. sagt, er käme kaum noch aus der Küche raus.
Der V. ist bockig und erinnert mich dabei an Michael Ballack. Diesen bockigen Küchen-Gesichtsausdruck vom V. habe ich so schon mal gesehen, nämlich als bockigen Tribünen-Gesichtsausdruck bei Michael Ballack.
Aber gegen Michael Ballack darf man in diesem Hause nichts sagen. Nicht vorm V. Darf man nicht von der wunderbaren Verjüngung der Nationalmannschaft sprechen, und wie dieser Götze, und erst der Özil… und dass das mit der Verletzung vom Ballack letztes Jahr, also, dass das schon blöd war, aber für den deutschen Fußball doch nun wieder auch nicht soooo schlecht…
Wird der V. aber richtig bockig. Setzt zu langen Verteidigungsreden an, wie er sie für Lothar Matthäus noch nicht gehalten hat. Das hat in erster Linie nichts damit zu tun, ob Michael Ballack noch gut Fußball spielt und ob er dies noch in der Nationalmannschaft tun sollte.
Es hat allein damit zu tun, dass Michael Ballack genauso alt ist wie der V.
Früher, als die Fußballer noch Oberlippenbärte und sehr kurze Hosen trugen, waren sie unwahrscheinlich alt. Mindestens so alt wie unsere Eltern. Eher noch älter. Das war so ungefähr die Zeit, als ich nicht wusste wohin mit diesen ganzen Duplo-WM-Bildchen. Weshalb Bodo Illgner und Olaf Thon 20 Jahre am Badezimmerschränkchen meiner Eltern klebten.
Dann waren die Fußballer plötzlich ein bisschen älter als man selber, ungefähr so alt wie die Jungs zwei Klassen über mir, die schon in der Kollegstufe waren. Und schließlich so alt wie ich selbst, das fand ich eher unspektakulär – finde es immer noch (Arne Friedrich ist so alt wie ich) – aber V. wähnte sich in einer goldenen Generation: Michael Ballack. Francesco Totti. Clarence Seedorf. Patrick Vieira. Ruud van Nistelrooy.
Prominente Leute, die so alt sind wie man selbst, zeigen einem immer ein bisschen, was hätte sein können: Deutscher Meister. FA-Cup. Haus in London. Haus am Starnberger See. Irgendwann Weltmeister, weil man wird ja so lange als Kapitän aufgestellt, bis es klappt, und wenn erst 2022 in Katar.
Irgendwann sind die Fußballer dann jünger als man selbst, sie sind dann so alt wie der jüngere Bruder, was ok ist, denn dann zeigen sie einem was aus dem Bruder hätte werden können, und dann wäre man die Schwester von XY, der da unten Lionel Messi austrickst und das wäre cool.
Dann sind die Fußballer jünger als der Bruder, noch viel jünger sogar, sie haben noch nicht mal Abitur und könnten theoretisch Michael Ballacks Söhne sein.
Wenn man jetzt im gleichen Jahr geboren wurde wie Michael Ballack, dann ist man alt. Und kann schon mal bockig werden, wenn dieser Quasi-Weggefährte auf der Tribüne sitzt und ebenfalls bockt.
Ich weiß, dass diese depressive Phase eines Tages vorbei sein wird. Vielleicht, wenn Michael Ballack als Bundestrainer in Katar den Weltmeistertitel holt.
Siehste, wird V. dann sagen. Ich bin auch 46. Könnte auch ich sein, da mit dem Pokal.
Ich werde milde lächeln und mich fragen, was Arne Friedrich eigentlich so macht.

V. liest Zeitung – Teil 1

Das Geheimnis einer glücklichen Ehe sei, das habe ich erst kürzlich in einer renommierten Fernsehzeitung gelesen, die Pflege von Ritualen.

V. und ich pflegen zum Beispiel das Zeitungsritual, das jedoch abhängig vom Wochentag auf zwei verschiedene Weisen vollzogen wird.
Da wären
  •  das Wochenend-Samstagmorgen-Ritual (davon an anderer Stelle mehr)
  • das Werktags-Ritual

Betrachten wir heute das Werktags-Ritual:

ca. 6:30 Uhr: Ich stehe auf, dusche, ziehe mich an, trage den Föhn in die Küche, hole die Zeitung, trage sie in die Küche, entsorge Werbung und Immobilienteil gleich im Papiermüll, fische den Sport- hinterm Wirtschaftsteil hervor, lege ihn auf den Tisch, föhne mich, lese dabei die Panorama-Seite.
(Ich kann mich in unserem neuen Bad nicht föhnen, dort gibt es keine Steckdose.)
ca. 7:15 Uhr (oder später): V. steht auf, duscht, zieht sich an, kommt in die Küche, sagt er müsse gleich weg, setzt sich hin, nimmt den Sportteil und sagt: Einen Artikel muss ich lesen, sonst kann ich nicht gehen. Theoretisch hätte er dafür in der U-Bahn mindestens 20 Minuten Zeit, aber ohne einen Artikel, z.B. über englische Kapitäne und deren echte Tränen, aus dem Haus zu gehen würde wahrscheinlich ganz mieses Karma bedeuten.
ca. 7:17 Uhr: Ich verlasse die Küche, suche Schuhe/Handy/Tasche o.ä., reiße im Schlafzimmer das Fenster auf, suche wieder irgendwas, will meine Jacke anziehen, V. sagt: Ich muss dir noch was vorlesen.
In dem Absatz, den er mir dann vorliest, geht es darum, dass Michael Ballack sich doch tatsächlich das Elfmeter-Schießen des Champions-League-Finales noch einmal angesehen hat, John Terry geweint hat und dazu steht, und der Kapitän, der „Captain“ im englischen Fußball dem militärischen Rang eines solchen, nämlich des Anführers, sehr nahe steht, was wiederum mit dem Empire zu tun hat.
Ich stehe mit dem Schlüssel in der Hand in der Tür. V. strahlt und sagt:
„In einem Artikel braucht nur was über England zu stehen, das wird immer gelesen.“
Ich verspreche, das für den heutigen Arbeitstag zu beherzigen.

24. Spieltag: Nie mehr erste Liga

V. und ich gehen heute abend ins Kabarett. Aus diesem Anlass spielten wir ein kleines Spiel. Ich sage etwas, V. antwortet – aber antwortet er auch richtig?
Ich: Also dann um sieben.
(Im Radio läuft gerade eine Ankündigung für das Champions League Spiel Bayern München – Real Madrid)
Ich: Oh, da verpasst du ja Fußball heute abend.

V: Ist schon ok.

Diese Antwort war falsch. Die richtige Antwort müsste lauten: Ach, da reicht mir der Spielbericht morgen im Internet.

Oder so ähnlich.

In den vergangenen Wochen habe ich mir desöfteren gewünscht, der Fußballverein, dessen Namen ich jetzt nicht nennen möchte, weil das an dieser Stelle vielleicht Unglück bringt, möge sich wieder in die 2.Liga verabschieden.
Das war angenehmer und wurde in meiner Beziehung nicht so oft thematisiert.
Nun spielt sich eben jener Verein immer mehr in den Vordergrund, ständig sprechen Menschen V. darauf an und ich habe auch noch diesen Blog angefangen.

V. wird ab und zu hysterisch und weigert sich, das abzustellen. Beim letzten Pokalspiel, beispielsweise. Hat der Club ja bravourös gewonnen. Wurde leider in keiner Kneipe übertragen. Weshalb V. leicht angefressen nach Hause kam. Und dann wage ich es, mich darüber zu freuen, jetzt eine gewisse Krankenhausserie im Privatfernsehen zu schauen.
Entrüstung! Jetzt kommt doch Blickpunkt Sport!

Da wäre ich wirklich gerne abgestiegen, bis in die D-Jugend meinetwegen.