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31. Spieltag: Auswärtsspiel

Ich bin Steven Gerrad.
In meinen Ohren dröhnt der Lärm von 40.000 Menschen, ich muss gleich da raus auf den Pitch. Ein Griff nach oben, das Schild berühren und los.

Natürlich bin ich nicht Steven Gerrad und die 40.000 kommen auch nur aus der Konserve. Aber: This is Anfield. Steht über mir. John Terry von Chelsea hat in seiner Autobiografie geschrieben, dass sich ihm die Nackenhaare hochstellten, als er an dieser Stelle stand, und dass er danach miserabel spielte. Alles Quatsch, sagten die anderen Chelsea-Fußballer. Aber in Liverpool erzählen sie diese Geschichte natürlich gern.

This is Anfield. Die Idee hatte natürlich Bill Shankly, den sie in Bronze vor dem Stadion stehen haben und der den Satz auf V.s Tasse gesagt hat. Der auch gesagt hat, zu seiner Zeit hätten die besten Teams Englands in Liverpool gespielt: Liverpool FC und die Reserve.

This is Anfield und wir sind wirklich dort. Um uns herum sozialer Wohnungsbau und mittendrin ein Stadion. V. ist selig und kleidet sich im Fan Shop neu ein. Ich weiß jetzt, wie es Männern im Schuhladen geht. Alles sieht gleich aus und ich kann ihm bei der Entscheidung, ob nun eine Nummer auf das Trikot soll, nicht helfen. Gerrad hat jeder und die anderen kenne ich nicht.

Wir bezahlen jeder zehn Pfund für eine Tour mit Adrian und Darren, die beide Trainingsanzüge tragen und sagen, dass sie sofort aufhören, wenn einer das Spielfeld betritt. Wir dürfen also nicht auf den heiligen Rasen, dafür aber in die heilige Kabine. Und zum heiligen Schild.

Vor dem zieht V. das Club-Kleid über und simuliert mit einer dicken blonden Engländerin ein Interview. Die freut sich ein Loch in den Bauch, dass „Liverpool supporters“ sogar aus Deutschland kommen. Um uns herum wuseln Achtjährige im Liverpool-Dress, sogar mit Stutzen. Großzügig integrieren sie den kleinen Messi – ganz schön mutig, im Barcelona-Outfit zu kommen. Aber, um nun endlich mal Nick Hornby zu zitieren – der Club wird einem halt gegeben, den sucht man sich nicht aus und dann muss man eben im orangefarbenen Barcelona-Trikot mit nach Anfield. Für einen Achtjährigen sehr charakterstark.

Ich kann’s mir auch nicht aussuchen. Zum Beispiel, dass ich bei der Doku zur „Nacht von Istanbul“ feuchte Augen bekomme. Dass ich andächtig an den Rängen hochschaue und die roten Plastiksitze streichle. Es ist nämlich nicht so einfach als Freundin eines Fußballfans. Ich glaube, viele Frauen sind so zerrissen wie ich.

Weil es einerseits nervt: Samstage sind grundsätzlich nie romantisch, zumindest nicht zwischen 15.30 und 20 Uhr, wenn der Club erst Sonntag spielt, das ganze Wochenende. Jede zweite Verabredung überschneidet sich mit Champions League, Uefa-Cup oder sonst einem Spiel. Und so weiter.

Aber andererseits will ich natürlich nach Anfield, wenn wir schon mal in Liverpool sind. Und ich ärgere mich natürlich, dass der Club am Wochenende nicht gewonnen hat. Und beim Elfmeterschießen im Champions-League-Halbfinale muss ich die Augen zukneifen, weil ich so aufgeregt bin.

Du kannst es dir nicht aussuchen, es wird dir auch nicht immer gegeben. Manchmal wird es dir auch irgendwie zugewiesen.