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Nicht ohne seine Stutzen

Meine Oma, die bald 87 Jahre alt wird, muss jeden Tag Stützstrümpfe tragen. Das sind diese sehr dicht gewebten, sehr engen Strümpfe, die man sich nicht alleine anziehen kann. Einmal habe ich meiner Oma dabei geholfen. Das war sehr anstrengend für uns beide, weil ich erst nicht wusste wo bei so einem Strumpf vorne, hinten, oben oder unten ist, und dann habe ich mich ganz schön abgemüht, das Ding an ihren Fuß zu kriegen. Meine Oma ist weder groß noch dick, sondern keine 1,50 groß und schmächtig. Aber meine Herren, diese Strümpfe…! Das mach ich nie wieder, hab ich mir geschworen.

Jetzt mach ich es jeden Tag.

Nicht bei meiner Oma, nein. Sondern bei meinem Sohn. Da sind es auch keine STÜTZstrümpfe. Es sind STUTZEN. Sehr dicht gewebte, sehr enge STUTZEN, die die kleinen, dreijährigen Beine so sehr STÜTZEN, das man Angst um ihre Blutzufuhr haben muss.

Im FCN-Fanshop heißen die Stutzen übrigens lapidar „Socken“ und  das halte ich für die Untertreibung des Jahrhunderts. Wegen ganz normaler „Socken“ wäre ich nicht jeden Morgen um halb acht schon schweiß gebadet.

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Aber von vorne. Ich habe diesen Dreijährigen zu Hause, bei dem – was für eine Glück! – die Club-Konditionierung perfekt funktioniert. Wir haben es hier mit einem Hardcore-Fan zu tun, der sich mit Bayern-Fans anlegt, an kalten Tagen einen Club-Schal mit in den Kindergarten nimmt und jeden Tag – JEDEN Tag – sein „Minikids Set“ von Umbro trägt. Dieses Set besteht aus Heimtrikot, Hose mit FCN-Emblem (O-Ton: „Das muss IMMER vorne sein, Mama!“ Ach was!) und eben „Socken“. Socken mit stark stützender Funktion, wie bereits erwähnt.

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Ich danke den Menschen bei Umbro wirklich sehr.

Dafür, dass sie den Club wieder ausstatten (wie schon im Meisterjahr), dass sie wirklich schöne Trikots machen und dass sie diese Trikots auch in der sehr kleinen Größe 92/98 anbieten. Der Dreijährige besitzt sein Minikids Set seit Anfang August und seitdem sind nur sehr wenige Tage vergangen, an denen er es nicht getragen hat. (Natürlich auch nachts. Was soll denn die Frage.) Er hat sich sogar in der U-Bahn blöd anreden lassen (sagt so ein Typ, das Kind da habe ja wohl das falsche Trikot an, manche Leute sind echt unverschämt).

Selbstverständlich gab es Tage, an denen das Minikids Set in der Wäsche war. Großes Geschrei. Krokodilstränen. Und zum Glück eine große Schwester, die generös ihr Minikids Set (Größe 122) leihweise freigab. Gut, die Hose war definitiv zu groß, aber das wollte er uns nicht glauben.

Ich bin da echt cool. Ich kann damit leben, wenn meine Kinder nicht geschleckt wie englische Privatschüler aus dem Haus gehen. Die dürfen anziehen, was sie wollen. Ich muss ja nicht den ganzen Tag so rumlaufen. Muss halt zum Wetter passen.

Ich war eh über mich hinaus gewachsen. Vor einem Jahr  hatte ich noch gelästert über Mütter, die ihre Söhne den ganzen Tag im Fußballdress rumlaufen lassen. Zack, war ich selber so eine.

Ich weiß jetzt auch, warum diese Mütter ihre Söhne den ganzen Tag so rumlaufen lassen. Weil sie sonst bis zum Abend mit dem tobenden Kind vorm Kleiderschrank sitzen würden. Weil sie es leid sind, Jeans oder Cordhosen oder Bagger-Pullis anzupreisen wie Lothar Matthäus als fähigen Bundesligatrainer.
Weil sie einfach nur das Haus verlassen möchten mit einem angekleideten Kind.

Und das Kind brüllt: „ICH WILL  MEIN CLUB-TRIKOT!!!!“
Ok, da hast du es, zieh es halt an. Aber mit Pulli drunter!
„ABER MIT FUSSBALL-PULLI!“
Der ist in der Wäsche.

(Er setzt wieder an, seine Halsschlagader pocht schon wie die von Uli Hoeness.)

Ist ja schon gut, ich hol ihn.
„UND DIE HOSE!!!“
Nee, also komm, nicht die Hose, es hat drei Grad, du wirst schlimm krank.
„ICH BRAUCH DIE HOSE!!!!“
Jetzt schrei doch nicht so, unter uns wohnen Leute.
„DIE  CLUB-HOOOOOOOSEEEEEE!!!!“
Jajajajajajaja, die Hose, hier ist sie, aber da ziehst du eine Strumpfhose drunter.
„UND DIE STUTZEN?!“
Komm, die lassen wir heute mal weg.
(Ich versuche ganz beiläufig zu klingen. Als würde ich sagen: Komm, heute lassen wir das Zähneputzen mal weg, hihi)
„NEEEEIIIINNNNNN!!! NICHT OHNE MEINE STUTZEN!“
Och Mensch, dann müssen wir die wieder über die Strumpfhose ziehen!
„JA!!! ÜBER DIE STRUMPFHOSE!“
Und dann knie ich da, denke an meine Oma und versuche, meinem Sohn diese Dinger ans Bein zu kriegen. Der natürlich ganz genaue Vorstellungen hat, wie das zu geschehen hat. Da darf keine Falte zu sehen sein und nix umgeschlagen werden. Zum Schluss muss der Stutzen so hoch wie möglich gezogen werden, so weit wie möglich übers Knie, also eher so bis unters Kinn. Und dann nochmal glatt streichen! Aber richtig!

Sonst: Halsschlagader. Hoeness. Hölle.

„GANZ ÜBERS KNIE, MAMA, GANZ HOCH!“
Muss das sein? Jetzt rennst du rum wie der Schweinsteiger!
„NEIN, MAMA. WIE EIN FUSSBALLER.“

Bitte, lieber 1. FC Nürnberg, liebe Leute bei Umbro: Nächste Saison einfach lockerer stricken, ja?

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WM-Accessoires

Vuvuzelas, schwarz-rot-gelbe Blumenketten, WM-Make-up – kommt uns alles nicht ins Haus.

Hier die etwas intellektuelleren WM-Accessoires:
Das Toilettenpapier mit den schlauen Fußballfakten – wahrscheinlich ergoogelt vom Toilettenherstellerpraktikanten. Wir wissen jetzt, dass Michael Ballack mal eine Taube abgeschossen hat („sie überlebte!“), wie alt Pelé genau bei seiner ersten WM war und dass in Madagaskar mal ein Spiel 149:0 ausgegangen ist. Wir wissen es tausendfach, denn die Fakten wiederholen sich auf ungefähr jedem drittem Toilettenpapier.

Die „Mini-Men“ standen eines Tages einfach im Regal. Keine Ahnung, wer die reingelassen hat:
Mit den Playmobil-Figuren kann man sogar Fußball spielen, sie besitzen ein Spielfeld mit Toren und Ball:
Unsere Fußball-Bibliothek, erweitert um einige Nick-Hornby-Klassiker und – selbstredend – das 11-Freunde-Abo (welches zum Ärger V.s auf meinen Namen läuft, weshalb er jetzt glaubt, der Briefträger halte mich zu Unrecht für eine coole Sau):
Erstes Schuhwerk für den Neuzugang, ein Geschenk von T. im festen Glauben an einen FußballER:

Transfermarkt. Schlussverkauf.

Noch schnell ein paar neue Stürmer abgreifen? Billig Schuhe shoppen?

Ist doch das gleiche, wenn man es mal genau betrachtet.
Die Bundesligavereine stürzen sich auf die Wühltische des Transfermarktes, ich mich mit den Freundinnen T. und K. ins Einkaufszentrum. „Ich liebe dieses Wort“, jauchzt K. und zeigt auf die großen roten Buchstaben S A L E.
Im Schuhladen wechselt ein Paar Stiefel, um sagenhafte 30 Euro reduziert, zu meinem Verein, also in meinen Schuhschrank. Die sind so viel wert wie ein neuer Stürmer. Mindestens.
T. schnappt sich ungerührt die gleichen Stiefel, nur in einer anderen Farbe. Kein Problem, das ist, als würden wir uns die Altintop-Zwillinge teilen, da spielt ja auch einer bei Bayern und der andere auf Schalke.
K. muss den Laden sicherheitshalber verlassen, von ihrem Freund war ihr am Morgen noch eingeschärft worden: „Keine Schuhe, keine Taschen.“ Als würde Horst Heldt (Manager Stuttgart) zu Christian Gross (Trainer Stuttgart) sagen: „Keine Stürmer, keine Rechtsverteidiger.“ Sie versorgt sich dafür in einem Geschäft mit italienischem Hintergrund mit Oberteilen, macht der VfB Stuttgart ja auch nicht anders. Die holten den Linksverteidiger Cristian Molinaro von Juventus Turin.
Beim Cappucino streichle ich meine neuen Stürmer.
„Du hast doch schon lila Stiefel“, sagt K.
„Na und“, meint T.
„Ja, aber die passen nicht richtig. Da könnt ich mir nach zwei Stunden die Füße amputieren.“
K. überlegt kurz. „Welche Größe?“
„38.“
„Nehm ich.“
„Alles klar, ich bring sie dir nächste Woche mit.“
Ähnlich wird das bei Nürnberg und den Bayern gelaufen sein.
Bader (Manager Club): „Hm, wo krieg ich so schnell noch nen Innenverteidiger und nen Mittelfeldspieler her.“
Nerlinger (Manager Bayern): „Du, hier sitzen noch der Breno und der Ottl rum, die brauch ich grad eh nicht, die leih ich dir.“
Bader: „Echt?!“
Nerlinger: „Klar, die nimmste gleich mit ins Trainingslager, probierst die mal aus.“
Bader: „Vielleicht passen sie ja.“
Nerlinger: „Genau. Und dann kannst du sie nach der Rückrunde behalten.“
Bader: „Du, das ist so lieb. Danke.“
Manchmal muss man aber auch Spieler gehen lassen. Oder Trainer. Auch wenn sie wahnsinnig gut ausgesehen haben. Aber eben nicht passten.
Aber ich will Michael Oenning nicht mit einer zu eng gekauften Jeans in Größe 36 vergleichen. Die Jeans werd ich wohl umtauschen. Hat der Club mit Trainer Oenning ja schon gemacht. Ob ich mir statt der Jeans aber was Vernünftiges, Unauffälliges wie Dieter Hecking leiste, weiß ich nicht.
Der Schlussverkauf ist ja noch nicht vorbei.

Der Kniestrumpf

Im Bereich der Bein- und Fußbekleidung fristete der Kniestrumpf bislang ein eher klägliches Dasein. Erwachsene Menschen hegen meist negative Erinnerung an kratzige, von Muttern verordnete Exemplare in peinlichen Farben, die ständig rutschten und – zu Rock oder kurzer Hose getragen – auch noch für alle anderen deutlich sichtbar waren.

Ich selbst erinnere mich mit Schaudern an ein Paar Kniestrümpfe aus dem Jahr 1985. Sie waren weiß und versehen mit einem elaborierten Lochmuster und als modischer Gag kräuselte sich der Strumpfsaum unterhalb des Knies in dezenten Wellen. 
Mit noch größerem Schaudern erinnere ich mich allerdings an meine Obsession für diese Dinger – ich fand sie einfach klasse und erbettelte inständig mehr Lochmuster-Kniestrümpfe. Als Verteidigung habe ich nur vorzubringen: Es waren halt die achtziger. Irgendwo habt ihr doch alle kunstvoll durchlöcherte Kniestrümpfe im Keller, ich weiß es.
Im Jahr 2008 – so dachte ich – geht es dem Kniestrumpf schlecht. Kniestrümpfe verwandeln normale Frauen in kleine Mädchen, wirken auch an modebewussten japanischen Touristinnen irgendwie affig und machen sich auch zum Wiesn-Dirndl nur an ungefähr jeder 1000. Münchnerin ganz gut.
Die einzigen, die noch Kniestrümpfe tragen, sind die Fußballer. Wobei in diesem Metier das peinliche Beinkleid gerne mit dem Euphemismus „Stutzen“ versehen wird. 
Kenner der Szene wie z.B. V. werden jetzt entrüstet einwerfen, ein Stutzen sei ja wohl etwas anders als ein Kniestrumpf. Pfff…. 
Auch wenn ein Plastikdeckel drunter steckt – ein Kniestrumpf bleibt ein Kniestrumpf und steigert sich an Bastian Schweinsteigers Beinen sogar zum Thrombose-Strumpf (Schweinsteiger zieht sich seine weißen Stutzen fast bis übers Knie und weil er dazu auch noch weiße Fußballschuhe trägt, wirkt er manchmal wie auf dem Weg in den OP).
Nun ist der Kniestrumpf im Kommen. Nicht nur, dass sich die Designer der Sportartikelhersteller und Nationalmannschaftsausstatter meinen Beobachtungen zufolge immer detailverliebter den Stutzen widmen (ich erinnere nur an das liebevoll eingewebte rot-weiße Schachbrettmuster auf den Stutzen der Kroaten) – 
nein, heute morgen habe ich auch noch einen jungen Fußballfan mit Kniestrümpfen gesehen.
Ein Trend ist geboren.
Nächstes Jahr laufen wir alle rum wie Mädchen. Oder wie Bastian Schweinsteiger.