Grundsätzliches zu Ballsportarten

Im Prinzip kann der Fußball froh sein, dass ich mich ihm widme und das auch noch in dieser Ausführlichkeit, denn ich hab’s eigentlich so gar nicht mit Ballsportarten. Noch nie gehabt. Ich bin außerdem nicht sportlich, noch nie gewesen. (V. sagt, Yoga zählt nicht.)

Das fing im Kindergarten schon an, wo ich mich erschrocken wegdrehte, wenn mir einer einen Ball zuwarf. Gegen diesen Reflex muss ich beim Ballspielen mit dem Kind heute noch ankämpfen. Ich weiß, fangen wäre eine Alternative. Aber fangen muss man können. Man muss dem Ball entgegen gehen, sich ihm eventuell sogar entgegen werfen, die Hände ausstrecken womöglich. Hat man sich dann wider besseren Wissens dafür entschieden, muss man es schaffen, den Ball möglichst elegant in die Finger zu bekommen. Das ist mir in 34 Jahren noch nicht gelungen. Denn ich habe ja „Angst vorm Ball“, wie es meine Kindergärtnerin anno 1983 trocken auf den Punkt brachte, ich muss, während ich versuche zu fangen, auch noch die Augen zukneifen, den Kopf zurück werfen und mich mit dem ganzen Körper gegen den Ball wehren. Derweil springt er mir dann unschön aus den Händen und es sieht nach lustiger Zirkusnummer aus.

Meine andere Zirkusnummer heißt „Werfen“ und ist eine von ungefähr 245 Unterarten des Schulsports, die ich hasse. Ich habe mich in 13 Jahren Schulsport auf mindestens 245 Arten zum Affen gemacht. M., heute eine gute Freundin von mir, wollte jahrelang nicht mit mir befreundet sein, weil sie mich nur vom Schulsport kannte und da war ich peinlich. Ein spindeldürres Kind mit guten Englischnoten, das den Ball genau hinter sich warf anstatt mindestens 20 Meter nach vorne, das am Reck hing wie ein nasser Sack, am Barren verweigerte und beim Laufen zum Schluss ins Ziel kam, nach der dicken Heidi und der molligen Steffi.

Mit der dicken Heidi und der molligen Steffi bildete ich außerdem ein schicksalhaftes Dreiergespann, wenn für so unsägliche Spiele wie Volleyball oder Basketball Mannschaften zusammen gestellt werden mussten – meistens von den Obersportlichen mit den schlechten Englischnoten (das sind die, die später Sport und Anglistik auf Lehramt studieren werden). Meistens blieb ich alleine hocken und wer zum Schluss mit Auswählen dran war, musste mich halt nehmen, im Gegensatz zu mir waren die zwei anderen das kleinere Übel.

Kurz vor dem Abitur hat ein sehr engagierter Referendar versucht, mich beim Volleyball zu motivieren – aber da war einer in der gegnerischen Mannschaft, auf den ich ein Auge geworfen hatte, da mach ich mich doch nicht zum Affen.

Nach der Schule begann für mich die glorreiche sportfreie Zeit, ich traf neue Leute, die mich noch nie beim Schulsport gesehen hatten und die dachten, ich wär schon sportlich, ich sah ja irgendwie so aus. Nur einmal habe ich den Fehler gemacht, mit Freundinnen aus dem Studium zum Sport zu gehen, Tae-Bo hieß der Quatsch, und ich werde nie das Entsetzen in ihren Augen vergessen, als ich neben ihnen versuchte, irgendwie diese Bewegungen in der richtigen Reihenfolge und Schnelligkeit hinzukriegen.

Mit Ballsportarten hab ich es auch noch einmal versucht, beim einem Spaßvolleyball-Turnier in der Heimat, da hat mir der V. (als Mitglied der gegnerischen Mannschaft) den Ball ins Gesicht gedonnert (unabsichtlich) und mein Vater (als Mitglied meiner Mannschaft), hielt es für nötig, mir vor sehr vielen Menschen sehr laut und ohne Pause zu erklären, wie man richtig Volleyball spielt.

Danach habe ich beschlossen, mich nie wieder zum Affen zu machen.

Und das alles fiel mir wieder ein, als der V. und ich letzten Freitag das Volleyball-Halbfinale der Frauen sahen (Deutschland gegen Belgien). Da war mein ganzes Kindheitstrauma im Fernsehen. Eine Sporthalle. Gummiboden. Ein Ball. Sportliche Frauen. Sportliche Frauen mit schlechten Englischnoten, die Frauen wie mich mobben, die lachen, wenn ich am Reck hänge wie ein nasser Sack, die lieber die dicke Heidi in der Mannschaft hätten als mich.

Der V. fand es spannend, ich hätte mich lieber weiter durch Hertha gegen Stuttgart gelangweilt. Und da wusste ich auch, warum Fußball die einzige Ballsportart ist, die ich gerne gucke. Weil die so viele Menschen schauen, die das a) nie selbst gespielt haben und b) auch gar nicht können. Und da ist das völlig wurscht.

(Und wahrscheinlich hat es auch damit zu tun, dass Fußball im Sportunterricht der Mädchen nie eine Rolle spielte. Danke Fußball, wegen dir musste ich mich nie zum Affen machen.)

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