Kategorie-Archiv: Spielfrei

Ich lern ja nie aus. Fußballwissen. Lektion 1.

Nach fast sechs Jahren mit diesem Blog, kann ich zwar immer noch nicht die Abseitsregel erklären geschweige denn verstehen, aber ein bisschen Wissen hab ich schon.

Ich weiß zum Beispiel, was der Sechser ist. Also, Ballack, Schweinsteiger, Khedira. Das sind Sechser. Braucht mir keiner erklären, was die machen. Seh ich. Weiß ich.

Dann kam der Neuner. In Gestalt von Mario Gomez und Fernando Torres. Plötzlich sprachen alle nur vom Neuner und ich war verwirrt. Was macht jetzt der? War das nicht früher der Sechser?

Ich fragte V.

Der mir angetraute Fußballsachverständige sprach: Der Neuner ist der Stürmer. Was dachtest denn du?

Ich (todesmutig): Ist das nicht der Sechser? Ballack, Schweinsteiger, Khedira?

V: Quatsch. Der Sechser ist defensives Mittelfeld. Das sieht man doch.

Soso. Sieht man.

Ich: Aber warum jeden jetzt alle vom Neuner? Vom Original-Neuner? Vom klassischen Neuner?

V: Weil der klassische Neuner nur Tore schießt und sonst nix macht. Wie der Gomez. Fuß hinhalten, wenn der Ball kommt, Tor. Ein Knipser.

EIN KNIPSER!!! Warum sagt mir das denn keiner! Natürlich weiß ich, was ein Knipser ist. So einer hat mal beim T. in der Mannschaft gespielt, der konnte nicht viel, aber im richtigen Moment den Fuß hinhalten. Seitdem weiß ich, was ein Knipser ist.

Und seitdem finde ich, es klingt so schön. Es klingt, als könnte das sogar ich. Knips Knips Tor. Einfach mal schnell den Fuß hinhalten und ab. Rumstehen und knipsen, ich glaube, ich könnte das.

Champions League, total interaktiv

Früher hätte ich an einem Abend wie gestern folgendes getan:
– V. verabschiedet, der sich das Bayern-Spiel in der Kneipe nebenan anschauen wollte.
– Noch mal blöd gefragt: Wer spielt? Aha. Champions League? Soso. Schon Halbfinale? Tschüß.
– Bisschen Küche aufgeräumt.
– Bisschen gebügelt.
– Bisschen Nägel lackiert.
– Die letzte Folge von Grey’s Anatomy im Internet nachgeguckt.
– Bisschen bei Facebook geschaut.
– Bisschen gelesen.
– V. begrüßt, der mir von einem krassen Spiel erzählt und unsympathischen Bayernfans. Aha. Soso. Gute Nacht.

Aber mit etwas Fußballwissen und dem Anspruch, informationsmäßig völlig auf der Höhe zu sein, war das so:
– V. verabschiedet. Kind ins Bett gebracht.
– Noch schnell Küche aufgeräumt, Pizza in den Ofen getan.
– Fernseher genau rechtzeitig angemacht, um Jupp Heynckes rote Birne zu betrachten.
– Internet angemacht.
– Twitter angemacht.
– 11 Freunde-Liveticker angemacht.
– Versucht, selbst was bei Twitter zu posten. Kam mir dann zu banal vor.

(Ich bin ja sehr langsam mit neuen Entwicklungen, wahrscheinlich langsamer als meine Oma. Ich find alles erstmal blöd. Digitalkameras, Laptops, Facebook, Smartphones, Twitter. Dann kann ich nix damit anfangen. Dann mache ich auf „Retro-Alte-Werte-Mich-Kriegt-Ihr-Nicht“. Dann haben/benutzen alle dieses neue Ding. Dann will ich es ganz dringend auch. Und bin sehr bemüht, mir nicht anmerken zu lassen, wie NEU das alles für mich ist. Ich meine: Twitter!!! Meine Oma macht das wahrscheinlich schon längst.)

Fazit:
– In der ersten Halbzeit bin ich total überfordert. Ich lese Banalitäten im Twitter-Stream, schaffe es nicht, gleichzeitig auf den Fernseher zu schauen und erfahre erst bei 11 Freunde, wie spannend das Spiel eigentlich ist. Natürlich verpasse ich das 1:0. Bin aber schon geplättet, wie gut die Bayern spielen. Die Pizza wird kalt.
– In der zweiten Halbzeit klappt es schon besser. Ich esse die Pizza auf, mache mich an die Bügelwäsche, schaue nur noch alle 10 Minuten in den Stream und den Ticker und heule mich dafür bei Facebook aus. Dann schaffe ich es sogar, mir noch die Nägel zu lackieren und ein bisschen was vom Spiel zu gucken.
– Poste noch eine Banalität über Ronaldos Schuhe.
– Begrüße V., der mir vom krassen Spiel und den unsympathischen Bayernfans erzählt.
Gute Nacht.

Pubertäre Champions League

Die coolen Jungs sind ja auch nicht mehr das, was sie früher waren.
Zumindest haben sie keine Ahnung von Fußball.

Heute in der S-Bahn.
„Gegen wen spielt Barcelona eigentlich?“
„Weiß nich. Und die Bayern?“
„Inter Mailand.“

Ich möchte über die zwei Sitzreihen, die uns trennen, springen, ihm den Pony aus dem Gesicht klappen und schreien: „Chelsea!!! Real Madrid!!! Bitte sag, dass du das nur nicht weißt, weil du dich mehr für Altgriechisch interessierst!“

Aber so sieht er nicht aus.

Michael.

Der V. ist angefressen. Nein, nicht weil die Bayern 1:0 gegen Villareal führen.

(International ist man ja für die Bayern, muss man für die Bayern sein, das hat was mit Mathematik zu tun. Was, hab ich aber vergessen und sowieso nur rudimentär verstanden. International muss man jedenfalls für die Bayern sein, so wie meine Oma mal gesagt hat, dass man für die Bayern sein muss, weil wir nun mal in Bayern leben. Da Franken seit über 200 Jahren nicht mehr eigenständig ist, entbehrt das nicht einer gewissen Logik.)
Der V. ist also angefressen und es hat nichts mit Fußball zu tun, eher mit seiner derzeitigen Lebenssituation, die sich fast ausschließlich zu Hause und mit dem Fräulein Magath abspielt. Nun kann der eine oder andere einwenden, mit HERRN Magath wolle er auch nicht so viel Zeit verbringen, am besten gar keine, aber ich kann versichern, mit dem FRÄULEIN Magath ist es nicht ganz so schlimm. Nur manchmal ein bisschen anstrengend. Das nennt sich dann Elternzeit. Andere Männer reisen in dieser Zeit nach Neuseeland, der V. sagt, er käme kaum noch aus der Küche raus.
Der V. ist bockig und erinnert mich dabei an Michael Ballack. Diesen bockigen Küchen-Gesichtsausdruck vom V. habe ich so schon mal gesehen, nämlich als bockigen Tribünen-Gesichtsausdruck bei Michael Ballack.
Aber gegen Michael Ballack darf man in diesem Hause nichts sagen. Nicht vorm V. Darf man nicht von der wunderbaren Verjüngung der Nationalmannschaft sprechen, und wie dieser Götze, und erst der Özil… und dass das mit der Verletzung vom Ballack letztes Jahr, also, dass das schon blöd war, aber für den deutschen Fußball doch nun wieder auch nicht soooo schlecht…
Wird der V. aber richtig bockig. Setzt zu langen Verteidigungsreden an, wie er sie für Lothar Matthäus noch nicht gehalten hat. Das hat in erster Linie nichts damit zu tun, ob Michael Ballack noch gut Fußball spielt und ob er dies noch in der Nationalmannschaft tun sollte.
Es hat allein damit zu tun, dass Michael Ballack genauso alt ist wie der V.
Früher, als die Fußballer noch Oberlippenbärte und sehr kurze Hosen trugen, waren sie unwahrscheinlich alt. Mindestens so alt wie unsere Eltern. Eher noch älter. Das war so ungefähr die Zeit, als ich nicht wusste wohin mit diesen ganzen Duplo-WM-Bildchen. Weshalb Bodo Illgner und Olaf Thon 20 Jahre am Badezimmerschränkchen meiner Eltern klebten.
Dann waren die Fußballer plötzlich ein bisschen älter als man selber, ungefähr so alt wie die Jungs zwei Klassen über mir, die schon in der Kollegstufe waren. Und schließlich so alt wie ich selbst, das fand ich eher unspektakulär – finde es immer noch (Arne Friedrich ist so alt wie ich) – aber V. wähnte sich in einer goldenen Generation: Michael Ballack. Francesco Totti. Clarence Seedorf. Patrick Vieira. Ruud van Nistelrooy.
Prominente Leute, die so alt sind wie man selbst, zeigen einem immer ein bisschen, was hätte sein können: Deutscher Meister. FA-Cup. Haus in London. Haus am Starnberger See. Irgendwann Weltmeister, weil man wird ja so lange als Kapitän aufgestellt, bis es klappt, und wenn erst 2022 in Katar.
Irgendwann sind die Fußballer dann jünger als man selbst, sie sind dann so alt wie der jüngere Bruder, was ok ist, denn dann zeigen sie einem was aus dem Bruder hätte werden können, und dann wäre man die Schwester von XY, der da unten Lionel Messi austrickst und das wäre cool.
Dann sind die Fußballer jünger als der Bruder, noch viel jünger sogar, sie haben noch nicht mal Abitur und könnten theoretisch Michael Ballacks Söhne sein.
Wenn man jetzt im gleichen Jahr geboren wurde wie Michael Ballack, dann ist man alt. Und kann schon mal bockig werden, wenn dieser Quasi-Weggefährte auf der Tribüne sitzt und ebenfalls bockt.
Ich weiß, dass diese depressive Phase eines Tages vorbei sein wird. Vielleicht, wenn Michael Ballack als Bundestrainer in Katar den Weltmeistertitel holt.
Siehste, wird V. dann sagen. Ich bin auch 46. Könnte auch ich sein, da mit dem Pokal.
Ich werde milde lächeln und mich fragen, was Arne Friedrich eigentlich so macht.

Down Under. Der Unvollendete Eintrag.

Die Fragen, die den V. und mich bei diesem Länderspiel, neben Mario Gomez‘ Frisur, am meisten beschäftigen, sind diese:

Warum trägt Podolski als einziger das Nationaltrikot in der hautengen Variante?
Ziehen ihn die anderen Spieler deswegen auf? („Für Poldi nur Salat, sonst platzen die Nähte!“)
Wechselt er vor seinem 30. Geburtstag in die legere Variante oder beendet er seine Karriere als Wurst in Pelle?
Und wann bindet er sich mal die Hose zu? Wieso hängen da die Schlaufen raus? Sitzt doch nicht daheim auf’m Sofa, konstatiert V.
Aber vor allem: Wer sitzt da neben Michael Ballack? Ist das Klaus Kinski?
Doch von vorn:
Während mir beim Anblick von Wieses Friese noch die Augen brennen (Wo ist das Gegengift! Wo ist Gomez?!), schreit das Fräulein Magath.
Ich: Das Kind schreit.
V.: Aber es ist doch Fußball.
Chauvi.
Das Fräulein allerdings zeigt Verständnis für seinen Einwand und beruhigt sich gleich wieder.
Warum müssen wir eigentlich gegen Australien spielen, will ich wissen.
Nicht müssen, sagt V. Dürfen. Ein Freundschaftsspiel DARF man bestreiten und man DARF sich dabei auch sehr gerne langweilen.
Bin ich froh, dass dieses Spiel in Mönchengladbach stattfindet. Wäre die Wahl des DFB auf München gefallen, säße ich jetzt wieder in Skiunterwäsche in der Allianz Arena, weil V. und T. und die anderen schon wieder erfolgreich verdrängt haben, warum wir nach dem Tschechien-Debakel 2007 und dem Argentinien-Debakel 2010 eigentlich nie wieder ein überflüssiges Länderspiel live sehen wollten. Wobei mich wundert, dass der T. keine Karte für Mönchengladbach gelöst hat. Wo er sich doch in Australien gerade verlobt hat, der alte Romantiker.
Scheiße, sagt der V. plötzlich, kaum hol ich mir Cornflakes, steht’s 1:0.