Kategorie-Archiv: 1. Liga

Braunschweig oder: Das Virus

Wir gingen angeschlagen in dieses Spiel, der V. und ich, die Nacht zuvor hatten wir mehr kotzend als schlafend verbracht, keine Ahnung, in welcher Kindertagesstätte wir uns dieses Virus eingefangen hatten.

Also schon mal kein guter Montag – dabei mag ich Montagsspiele eigentlich, das ist der Vorteil der 2. Liga, da ist das Wochenende wenigstens nicht versaut. Andererseits kann man sich mit einem Montagsspiel auch so richtig die Laune der ganzen Woche versauen, aber, wie ich feststellen musste, der V. ist da mittlerweile abgehärtet, will sagen: apathisch.

Der vierte Trainer in diesem Jahr hat sicherlich die Haare schön und vielleicht sogar einen angenehmen Akzent. Eine Lösung für das Zweite-Liga-Problem, ein Rezept für den Turbo-Aufstieg hat er jedenfalls nicht aus der Schweiz mitgebracht. Anscheinend mehr die  Hoffnung, genau das in Nürnberg zu finden. Nur – da suchen sie ja schon länger danach.

Neben mir auf dem Sofa lag der V., sicherlich geschwächt vom Virus, das uns die Kinder ins Haus geschleppt haben. Aber auch geschwächt von dem, was ihm der Club seit Monaten abverlangt. Früher hat er sich auch bei schlechten Spielen ins Zeug gelegt. Hat rumgeschrien, den Schiedsrichter beschimpft, ist vom Sofa gesprungen und wieder zurück, hat sich das Resthaar gerauft und die Hände vors Gesicht geschlagen. Nur um Sekunden später dem Elend wieder ins Auge zu sehen.

Und jetzt? Liegt er da mit Cola und Salzstangen und sagt: nichts.

Auf meine Frage heute morgen, wie’s ihm nach dem Spiel gestern so gehe, kommt nur ein „Ach.“

Gefolgt von:

„Dann hab ich noch The Walking Dead geguckt, aber das war diesmal auch total bescheuert!“

„The Walking Dead“ ist eine Serie, bei der durch ein Virus fast alle Menschen zu Zombies werden. Die Überlebenden versuchen alles Mögliche, um es zu stoppen, haben aber auch in der fünften Staffel noch keine wirkliche Lösung gefunden.

Ich hoffe nur, das Drama um das Zweite-Liga-Virus in Nürnberg braucht nicht auch so viele Staffeln.

Woanders:

Der Blogger-Kollege Johannes Mirus hat das Spiel gestern kurz kommentiert.

„Fehlerbehaftet, uninspiriert, ideenlos“: Die Einschätzung der Clubfans United.

 

Bremen vs. Braunschweig oder: Wo spielen die Frauen?

In Bremen glitzert weiß der Rasen, in München schiebt sich das Fräulein ein Käsebrötchen in den Mund – ihr bevorzugter Fußball-Snack.

Es ist Sonntag, es ist Mistwetter, es ist Bremen gegen Braunschweig, Not gegen Elend, wir haben nichts besseres zu tun.

Fräulein: Wo ist der Schiedsrichter?

Ich: Keine Ahnung, seh ich gerade nicht.

Fräulein: Na, da ! (Zeigt auf den Schiedsrichter.)

Ich: Und was macht der?

Fräulein: Na, pfeifen.

Pause. Fräulein mümmelt Käsebrötchen.

Fräulein: Wann kommt Kopfball?

V.: Keine Ahnung, nicht so oft. Deshalb heißt es ja Fußball.

Fräulein: Aha.

Pause. Käsebrötchen.

Fräulein: Spielen da die Frauen?

V.: Nein, das sind die Männer.

Fräulein (heult): Och Mann, warum spielen die Männer? Ich will die Frauen!

Hoffenheim oder: Starr vor Freude

Der Stürmerstar ist jetzt knapp neun Monate auf der Welt. Seitdem hat der Club zwei Mal gewonnen. Einmal, als der Stürmerstar neun Tage alt war. Und einmal heute.

Dazwischen: Unentschieden. Niederlage. Unentschieden. Unentschieden. Unentschieden. Niederlage. Unentschieden. Unentschieden. Nicht gegebene Tore, unmögliche Schiedsrichterentscheidungen. Schlimmer: Der Club spielte auch noch gut.

Für den Club-Fan ist das kaum zu ertragen: Normalerweise kann er sich in der Spirale aus Niederlagen und Unentschieden noch damit trösten, dass die Mannschaft einfach schlecht war. Der Glubb is a Depp und so weiter. Aber da war von Deppen eben keine Spur.

Der Tag heute aber stand unter einem gute Stern: Das Fräulein tanzte schon morgens durch die Wohnung und sang dazu „Ich würde nie zum FC Bayern München gehen“, der Stürmerstar bekannte sich zum Club und trug einen Latz von dessen Sponsor:

(„Berti“ hat aber meines Wissens nichts mit Berti Vogts zu tun.)

Nach dem Spiel sah ich den V. wie erstarrt auf dem Sofa sitzen. Im Fernsehen schwenkte die Kamera kurz zu Martin Bader. Dessen Gesichtsausdruck sah auch eher nach 3:0-Rückstand als nach 4:0-Sieg aus. Ich sage es ja immer: Bei Siegen kennt der Club-Fan gar keine gewohnten Verhaltensweisen, die er einfach abrufen könnte.
Vielleicht wird das ja noch was. Immerhin ist der Trainer jetzt wieder glatt rasiert – und bleibt es auch.

Vor Weihnachten wurde mir übrigens erklärt, für was NKD steht: Noch Kein Dreier.

Aber das hat sich jetzt ja erledigt.

Dumm tippt gut.

Jedes Jahr, spätestens im Mai, schwöre ich mir, es nie wieder zu tun. Ich schwöre mir hoch und heilig, nie wieder auf Fußballergebnisse zu tippen. Ich glaube, viele Menschen tun das. Und melden sich dann doch im August brav wieder bei Kicktipp an und lassen dem Verderben ihren Lauf.

Das hat natürlich ein bisschen mit dem Suchtfaktor des Tippens zu tun, mehr mit dem Glauben an das Unmögliche (der Club MUSS gegen den HSV gewinnen, dann wär der Tagessieg drin!), ganz viel mit Co-Abhängigkeit (Bitte mach mit bei unserer Tipprunde, wir sind doch nur zu fünft!), ein wenig mit dem ewigen Wettbewerb (wer möchte sich nicht mit Leuten wie „AxelF“, „Kaiser Franz“ oder „Walter Baresel“ ein Kopf-an-Kopf-Rennen am letzten Spieltag liefern) und am allermeisten mit der glorreichen ersten Saison.
Die Regel der glorreichen ersten Saison besagt: Wer zum ersten Mal in seinem Leben an einer Fußball-Tipprunde teilnimmt, wird diese gewinnen. Je weniger Ahnung der-/diejenige von Fußball hat, desto wahrscheinlicher  der Gewinn.
Mir ist das selbst im Jahr 2004 während der Europameisterschaft passiert und ich schwöre, ich wusste damals nicht mehr als den Namen des Bundestrainers.
Es gab eine Tipprunde im Freundeskreis, natürlich geleitet vom V. (damals hat man das noch über Excel-Listen organisiert), und ich hatte auf die ganze Tipperei natürlich keine Lust.
Bis die Griechen – und ich schwöre, ich habe nicht gesehen, wie schlecht die spielten – ihr erstes Vorrundenspiel gewannen. Um den V. zu provozieren sagte ich: „Du wirst sehen, die werden noch Europameister.“
Hat er mich ausgelacht und um einen Kasten Bier gewettet, dass das nicht eintreten wird. Ich habe die Wette angenommen und in der Tipprunde immer auf Griechenland getippt. Jeder weiß, was dann passiert ist. Am Finaltag habe ich mich sehr gefreut. Es war eine einsame Freude, aber gut.
Seitdem tippe ich und das natürlich jedes Jahr schlechter. 
Das liegt zum Einen daran, dass ich mich jetzt natürlich besser auskenne. Ich weiß, die Bayern werden wahrscheinlich wieder Meister und Fürth steigt gleich wieder ab. So tippen aber alle, damit gewinnt man keinen Blumentopf. Den kriegen die Dummen, die dann auch mal auf Sieg Fürth tippen, obwohl das doch eigentlich nicht sein darf und kann, aber das wissen die ja nicht.
Zum Anderen hat es natürlich damit zu tun, dass ich gewisse Gefühle für einen Verein hege. Da ist ein Tipp dann nicht nur ein Tipp. Er ist ein Wunsch, ein Traum, der Glaube an eine bessere Welt. Also tippe ich natürlich 5:0 für den Club und nicht für den HSV. Ich tippe ein optimistisches 2:1 gegen Stuttgart, aber doch kein Unentschieden. Ich tippe nie Unentschieden bei Club-Spielen, höchstens, wenn sie gegen die Bayern spielen. Jetzt wisst ihr, warum ich in meiner aktuellen Tipprunde auf dem letzten Platz liege. 
„Du musst das tippen, was rauskommt, nicht das, was du dir wünschst“, sagt der V. und zeigt mit seinem Tipp doch auch nur seinen unerschütterlichen Glauben an eine bessere Welt. Trotzdem steht er in seiner Tipprunde besser da, letztes Jahr hat er sie sogar gewonnen.
Vielleicht tippe ich jetzt einfach mal alle Spiele im Voraus und immer 2:1. Das ist total unromantisch, aber ich habe gehört, „Kaiser Franz“ fährt damit ganz gut.

Grundsätzliches zu Ballsportarten

Im Prinzip kann der Fußball froh sein, dass ich mich ihm widme und das auch noch in dieser Ausführlichkeit, denn ich hab’s eigentlich so gar nicht mit Ballsportarten. Noch nie gehabt. Ich bin außerdem nicht sportlich, noch nie gewesen. (V. sagt, Yoga zählt nicht.)

Das fing im Kindergarten schon an, wo ich mich erschrocken wegdrehte, wenn mir einer einen Ball zuwarf. Gegen diesen Reflex muss ich beim Ballspielen mit dem Kind heute noch ankämpfen. Ich weiß, fangen wäre eine Alternative. Aber fangen muss man können. Man muss dem Ball entgegen gehen, sich ihm eventuell sogar entgegen werfen, die Hände ausstrecken womöglich. Hat man sich dann wider besseren Wissens dafür entschieden, muss man es schaffen, den Ball möglichst elegant in die Finger zu bekommen. Das ist mir in 34 Jahren noch nicht gelungen. Denn ich habe ja „Angst vorm Ball“, wie es meine Kindergärtnerin anno 1983 trocken auf den Punkt brachte, ich muss, während ich versuche zu fangen, auch noch die Augen zukneifen, den Kopf zurück werfen und mich mit dem ganzen Körper gegen den Ball wehren. Derweil springt er mir dann unschön aus den Händen und es sieht nach lustiger Zirkusnummer aus.

Meine andere Zirkusnummer heißt „Werfen“ und ist eine von ungefähr 245 Unterarten des Schulsports, die ich hasse. Ich habe mich in 13 Jahren Schulsport auf mindestens 245 Arten zum Affen gemacht. M., heute eine gute Freundin von mir, wollte jahrelang nicht mit mir befreundet sein, weil sie mich nur vom Schulsport kannte und da war ich peinlich. Ein spindeldürres Kind mit guten Englischnoten, das den Ball genau hinter sich warf anstatt mindestens 20 Meter nach vorne, das am Reck hing wie ein nasser Sack, am Barren verweigerte und beim Laufen zum Schluss ins Ziel kam, nach der dicken Heidi und der molligen Steffi.

Mit der dicken Heidi und der molligen Steffi bildete ich außerdem ein schicksalhaftes Dreiergespann, wenn für so unsägliche Spiele wie Volleyball oder Basketball Mannschaften zusammen gestellt werden mussten – meistens von den Obersportlichen mit den schlechten Englischnoten (das sind die, die später Sport und Anglistik auf Lehramt studieren werden). Meistens blieb ich alleine hocken und wer zum Schluss mit Auswählen dran war, musste mich halt nehmen, im Gegensatz zu mir waren die zwei anderen das kleinere Übel.

Kurz vor dem Abitur hat ein sehr engagierter Referendar versucht, mich beim Volleyball zu motivieren – aber da war einer in der gegnerischen Mannschaft, auf den ich ein Auge geworfen hatte, da mach ich mich doch nicht zum Affen.

Nach der Schule begann für mich die glorreiche sportfreie Zeit, ich traf neue Leute, die mich noch nie beim Schulsport gesehen hatten und die dachten, ich wär schon sportlich, ich sah ja irgendwie so aus. Nur einmal habe ich den Fehler gemacht, mit Freundinnen aus dem Studium zum Sport zu gehen, Tae-Bo hieß der Quatsch, und ich werde nie das Entsetzen in ihren Augen vergessen, als ich neben ihnen versuchte, irgendwie diese Bewegungen in der richtigen Reihenfolge und Schnelligkeit hinzukriegen.

Mit Ballsportarten hab ich es auch noch einmal versucht, beim einem Spaßvolleyball-Turnier in der Heimat, da hat mir der V. (als Mitglied der gegnerischen Mannschaft) den Ball ins Gesicht gedonnert (unabsichtlich) und mein Vater (als Mitglied meiner Mannschaft), hielt es für nötig, mir vor sehr vielen Menschen sehr laut und ohne Pause zu erklären, wie man richtig Volleyball spielt.

Danach habe ich beschlossen, mich nie wieder zum Affen zu machen.

Und das alles fiel mir wieder ein, als der V. und ich letzten Freitag das Volleyball-Halbfinale der Frauen sahen (Deutschland gegen Belgien). Da war mein ganzes Kindheitstrauma im Fernsehen. Eine Sporthalle. Gummiboden. Ein Ball. Sportliche Frauen. Sportliche Frauen mit schlechten Englischnoten, die Frauen wie mich mobben, die lachen, wenn ich am Reck hänge wie ein nasser Sack, die lieber die dicke Heidi in der Mannschaft hätten als mich.

Der V. fand es spannend, ich hätte mich lieber weiter durch Hertha gegen Stuttgart gelangweilt. Und da wusste ich auch, warum Fußball die einzige Ballsportart ist, die ich gerne gucke. Weil die so viele Menschen schauen, die das a) nie selbst gespielt haben und b) auch gar nicht können. Und da ist das völlig wurscht.

(Und wahrscheinlich hat es auch damit zu tun, dass Fußball im Sportunterricht der Mädchen nie eine Rolle spielte. Danke Fußball, wegen dir musste ich mich nie zum Affen machen.)