Archiv für den Monat: Oktober 2016

Nicht ohne seine Stutzen

Meine Oma, die bald 87 Jahre alt wird, muss jeden Tag Stützstrümpfe tragen. Das sind diese sehr dicht gewebten, sehr engen Strümpfe, die man sich nicht alleine anziehen kann. Einmal habe ich meiner Oma dabei geholfen. Das war sehr anstrengend für uns beide, weil ich erst nicht wusste wo bei so einem Strumpf vorne, hinten, oben oder unten ist, und dann habe ich mich ganz schön abgemüht, das Ding an ihren Fuß zu kriegen. Meine Oma ist weder groß noch dick, sondern keine 1,50 groß und schmächtig. Aber meine Herren, diese Strümpfe…! Das mach ich nie wieder, hab ich mir geschworen.

Jetzt mach ich es jeden Tag.

Nicht bei meiner Oma, nein. Sondern bei meinem Sohn. Da sind es auch keine STÜTZstrümpfe. Es sind STUTZEN. Sehr dicht gewebte, sehr enge STUTZEN, die die kleinen, dreijährigen Beine so sehr STÜTZEN, das man Angst um ihre Blutzufuhr haben muss.

Im FCN-Fanshop heißen die Stutzen übrigens lapidar „Socken“ und  das halte ich für die Untertreibung des Jahrhunderts. Wegen ganz normaler „Socken“ wäre ich nicht jeden Morgen um halb acht schon schweiß gebadet.

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Aber von vorne. Ich habe diesen Dreijährigen zu Hause, bei dem – was für eine Glück! – die Club-Konditionierung perfekt funktioniert. Wir haben es hier mit einem Hardcore-Fan zu tun, der sich mit Bayern-Fans anlegt, an kalten Tagen einen Club-Schal mit in den Kindergarten nimmt und jeden Tag – JEDEN Tag – sein „Minikids Set“ von Umbro trägt. Dieses Set besteht aus Heimtrikot, Hose mit FCN-Emblem (O-Ton: „Das muss IMMER vorne sein, Mama!“ Ach was!) und eben „Socken“. Socken mit stark stützender Funktion, wie bereits erwähnt.

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Ich danke den Menschen bei Umbro wirklich sehr.

Dafür, dass sie den Club wieder ausstatten (wie schon im Meisterjahr), dass sie wirklich schöne Trikots machen und dass sie diese Trikots auch in der sehr kleinen Größe 92/98 anbieten. Der Dreijährige besitzt sein Minikids Set seit Anfang August und seitdem sind nur sehr wenige Tage vergangen, an denen er es nicht getragen hat. (Natürlich auch nachts. Was soll denn die Frage.) Er hat sich sogar in der U-Bahn blöd anreden lassen (sagt so ein Typ, das Kind da habe ja wohl das falsche Trikot an, manche Leute sind echt unverschämt).

Selbstverständlich gab es Tage, an denen das Minikids Set in der Wäsche war. Großes Geschrei. Krokodilstränen. Und zum Glück eine große Schwester, die generös ihr Minikids Set (Größe 122) leihweise freigab. Gut, die Hose war definitiv zu groß, aber das wollte er uns nicht glauben.

Ich bin da echt cool. Ich kann damit leben, wenn meine Kinder nicht geschleckt wie englische Privatschüler aus dem Haus gehen. Die dürfen anziehen, was sie wollen. Ich muss ja nicht den ganzen Tag so rumlaufen. Muss halt zum Wetter passen.

Ich war eh über mich hinaus gewachsen. Vor einem Jahr  hatte ich noch gelästert über Mütter, die ihre Söhne den ganzen Tag im Fußballdress rumlaufen lassen. Zack, war ich selber so eine.

Ich weiß jetzt auch, warum diese Mütter ihre Söhne den ganzen Tag so rumlaufen lassen. Weil sie sonst bis zum Abend mit dem tobenden Kind vorm Kleiderschrank sitzen würden. Weil sie es leid sind, Jeans oder Cordhosen oder Bagger-Pullis anzupreisen wie Lothar Matthäus als fähigen Bundesligatrainer.
Weil sie einfach nur das Haus verlassen möchten mit einem angekleideten Kind.

Und das Kind brüllt: „ICH WILL  MEIN CLUB-TRIKOT!!!!“
Ok, da hast du es, zieh es halt an. Aber mit Pulli drunter!
„ABER MIT FUSSBALL-PULLI!“
Der ist in der Wäsche.

(Er setzt wieder an, seine Halsschlagader pocht schon wie die von Uli Hoeness.)

Ist ja schon gut, ich hol ihn.
„UND DIE HOSE!!!“
Nee, also komm, nicht die Hose, es hat drei Grad, du wirst schlimm krank.
„ICH BRAUCH DIE HOSE!!!!“
Jetzt schrei doch nicht so, unter uns wohnen Leute.
„DIE  CLUB-HOOOOOOOSEEEEEE!!!!“
Jajajajajajaja, die Hose, hier ist sie, aber da ziehst du eine Strumpfhose drunter.
„UND DIE STUTZEN?!“
Komm, die lassen wir heute mal weg.
(Ich versuche ganz beiläufig zu klingen. Als würde ich sagen: Komm, heute lassen wir das Zähneputzen mal weg, hihi)
„NEEEEIIIINNNNNN!!! NICHT OHNE MEINE STUTZEN!“
Och Mensch, dann müssen wir die wieder über die Strumpfhose ziehen!
„JA!!! ÜBER DIE STRUMPFHOSE!“
Und dann knie ich da, denke an meine Oma und versuche, meinem Sohn diese Dinger ans Bein zu kriegen. Der natürlich ganz genaue Vorstellungen hat, wie das zu geschehen hat. Da darf keine Falte zu sehen sein und nix umgeschlagen werden. Zum Schluss muss der Stutzen so hoch wie möglich gezogen werden, so weit wie möglich übers Knie, also eher so bis unters Kinn. Und dann nochmal glatt streichen! Aber richtig!

Sonst: Halsschlagader. Hoeness. Hölle.

„GANZ ÜBERS KNIE, MAMA, GANZ HOCH!“
Muss das sein? Jetzt rennst du rum wie der Schweinsteiger!
„NEIN, MAMA. WIE EIN FUSSBALLER.“

Bitte, lieber 1. FC Nürnberg, liebe Leute bei Umbro: Nächste Saison einfach lockerer stricken, ja?

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