Archiv für den Monat: September 2011

Michael.

Der V. ist angefressen. Nein, nicht weil die Bayern 1:0 gegen Villareal führen.

(International ist man ja für die Bayern, muss man für die Bayern sein, das hat was mit Mathematik zu tun. Was, hab ich aber vergessen und sowieso nur rudimentär verstanden. International muss man jedenfalls für die Bayern sein, so wie meine Oma mal gesagt hat, dass man für die Bayern sein muss, weil wir nun mal in Bayern leben. Da Franken seit über 200 Jahren nicht mehr eigenständig ist, entbehrt das nicht einer gewissen Logik.)
Der V. ist also angefressen und es hat nichts mit Fußball zu tun, eher mit seiner derzeitigen Lebenssituation, die sich fast ausschließlich zu Hause und mit dem Fräulein Magath abspielt. Nun kann der eine oder andere einwenden, mit HERRN Magath wolle er auch nicht so viel Zeit verbringen, am besten gar keine, aber ich kann versichern, mit dem FRÄULEIN Magath ist es nicht ganz so schlimm. Nur manchmal ein bisschen anstrengend. Das nennt sich dann Elternzeit. Andere Männer reisen in dieser Zeit nach Neuseeland, der V. sagt, er käme kaum noch aus der Küche raus.
Der V. ist bockig und erinnert mich dabei an Michael Ballack. Diesen bockigen Küchen-Gesichtsausdruck vom V. habe ich so schon mal gesehen, nämlich als bockigen Tribünen-Gesichtsausdruck bei Michael Ballack.
Aber gegen Michael Ballack darf man in diesem Hause nichts sagen. Nicht vorm V. Darf man nicht von der wunderbaren Verjüngung der Nationalmannschaft sprechen, und wie dieser Götze, und erst der Özil… und dass das mit der Verletzung vom Ballack letztes Jahr, also, dass das schon blöd war, aber für den deutschen Fußball doch nun wieder auch nicht soooo schlecht…
Wird der V. aber richtig bockig. Setzt zu langen Verteidigungsreden an, wie er sie für Lothar Matthäus noch nicht gehalten hat. Das hat in erster Linie nichts damit zu tun, ob Michael Ballack noch gut Fußball spielt und ob er dies noch in der Nationalmannschaft tun sollte.
Es hat allein damit zu tun, dass Michael Ballack genauso alt ist wie der V.
Früher, als die Fußballer noch Oberlippenbärte und sehr kurze Hosen trugen, waren sie unwahrscheinlich alt. Mindestens so alt wie unsere Eltern. Eher noch älter. Das war so ungefähr die Zeit, als ich nicht wusste wohin mit diesen ganzen Duplo-WM-Bildchen. Weshalb Bodo Illgner und Olaf Thon 20 Jahre am Badezimmerschränkchen meiner Eltern klebten.
Dann waren die Fußballer plötzlich ein bisschen älter als man selber, ungefähr so alt wie die Jungs zwei Klassen über mir, die schon in der Kollegstufe waren. Und schließlich so alt wie ich selbst, das fand ich eher unspektakulär – finde es immer noch (Arne Friedrich ist so alt wie ich) – aber V. wähnte sich in einer goldenen Generation: Michael Ballack. Francesco Totti. Clarence Seedorf. Patrick Vieira. Ruud van Nistelrooy.
Prominente Leute, die so alt sind wie man selbst, zeigen einem immer ein bisschen, was hätte sein können: Deutscher Meister. FA-Cup. Haus in London. Haus am Starnberger See. Irgendwann Weltmeister, weil man wird ja so lange als Kapitän aufgestellt, bis es klappt, und wenn erst 2022 in Katar.
Irgendwann sind die Fußballer dann jünger als man selbst, sie sind dann so alt wie der jüngere Bruder, was ok ist, denn dann zeigen sie einem was aus dem Bruder hätte werden können, und dann wäre man die Schwester von XY, der da unten Lionel Messi austrickst und das wäre cool.
Dann sind die Fußballer jünger als der Bruder, noch viel jünger sogar, sie haben noch nicht mal Abitur und könnten theoretisch Michael Ballacks Söhne sein.
Wenn man jetzt im gleichen Jahr geboren wurde wie Michael Ballack, dann ist man alt. Und kann schon mal bockig werden, wenn dieser Quasi-Weggefährte auf der Tribüne sitzt und ebenfalls bockt.
Ich weiß, dass diese depressive Phase eines Tages vorbei sein wird. Vielleicht, wenn Michael Ballack als Bundestrainer in Katar den Weltmeistertitel holt.
Siehste, wird V. dann sagen. Ich bin auch 46. Könnte auch ich sein, da mit dem Pokal.
Ich werde milde lächeln und mich fragen, was Arne Friedrich eigentlich so macht.