Archiv für den Monat: März 2010

25. Spieltag. Leverkusen.

Man kann auf vieles neidisch sein, aber nicht auf eine Fußfehlstellung.

Doch. Der V. kann. Und bevor ihn der Neid zerfrisst, wird er auch eine Fußfehlstellung haben. Weil er den Gedanken nicht ertragen wird, dass ich beim gleichen Einlagen-Papst war wie Michael Ballack.
Aber von vorne: Seit Monaten tut mir der rechte Fuß weh. Er tut nicht nur weh, er ist neuerdings auch verformt, der Ballen strebt nach außen, manchmal ist er rot. „Hallux Valgus“ sagte das Internet. Ich erinnerte mich, dass mein Opa das auch hatte, sehr stark sogar, die Schuhe beulten schon richtig aus. Ich erinnerte mich auch, dass meine Mutter und T. immer lachten, wenn sie im Sommer meine Füße sahen. „Haha, Opa-Füße.“ 
Der Fuß konnte so nicht bleiben. Das Internet sagte: Operieren. 
Ich machte einen Termin beim Orthopäden, prompt tat der Fuß nicht mehr weh. 
Schließlich saß ich vor einem Mann, der abwechselnd mich und meinen Fuß so verständnislos ansah, als wäre ich wegen Zahnschmerzen gekommen.
Der Arzt sagte: Das ist vielleicht ein Fuß-Problem, aber ein popeliges. Aber meinetwegen können Sie Einlagen haben, ich schicke Sie zum Einlagen-Papst, kostet 160 Euro inklusive Gang-Analyse.
So ein Quatsch, dachte ich. 
Gestern saß ich beim Einlagen-Papst. Der Raum war voll mit technischem Schnickschnack, Computer, Laufband, Analyse-Brett, Messgerät. Die Wände waren gepflastert mit Fußball-Trikots, Autogramm-Karten, Poster von Biathleten, Bobfahrern und Eisläufern.
Der Einlagen-Papst hatte einen festen Händedruck, einen charmanten badischen Akzent und nannte meinen Fuß im Computer „Hallux Opa“. Leider fand er unangenehme Sachen heraus: Ich belaste meinen Fuß an Stellen, die dafür nicht vorgesehen sind. Ich habe X-Beine. Ich habe ein schiefes Becken. Ich war entsetzt.
Schließlich wurde mein Fuß vermessen. „Hier hinsetzen, Füße aufstellen, Blickrichtung Liverpool.“ Vor mir hing ein Original-Liverpool-Trikot mit Unterschriften.
„Nach Liverpool schau ich gerne.“
„Fußball-Fan?“
„Ja, aber eher Nürnberg.“
Strahlen.
„Da sind Sie jetzt aber besonders glücklich!“ Es folgte eine messerscharfe Analyse vom Einlagen-Papst, warum Nürnberg „da unten“ nicht hingehört, warum das mit „da oben“ bislang nicht geklappt hat (die Abwehr steht, aber ab der Mitte wird’s schwach und vorne geht halt nicht viel – besser hätte ich das auch nicht sagen können).
Es stellte sich heraus: Der Einlagen-Papst hat sie alle gesehen. Alle Füße aus Liverpool, Nürnberg, München. Ballack, Van Bommel, Kati Witt – name them, he had them.
Zum Abschluss bekomme ich eine Extra-Führung, denn es gibt mehrere Räume mit Fußballtrikots. Im Analyse-Raum hängen zum Beispiel nur die ausländischen Clubs, siehe Liverpool, damit sich kein einheimischer Fan beschweren kann, warum 1860 so weit unten hängt, oder so nah bei Bayern München.
„Ich warne Sie, morgen steht mein Mann hier auf der Matte.“
Der Einlagen-Papst grinst. 
Heute morgen hat der V. schon sehr kritisch seine Füße betrachtet.

V. vergisst seine Frau

Zwei Tage nach dem Länderspiel beugt sich V. morgens über die Zeitung, lacht und sagt:

„Das war wirklich so wie es hier steht, weißt du. Wenn die Deutschen den Ball hatten, hat das Publikum gebuht und bei den Pässen der Argentinier gejubelt.“
Ich sehe ihn für eine lange Minute an, bis ich sage:
„Ich weiß. Ich war dabei.“
„Ach, Mensch, stimmt! Wie peinlich. Das hätt ich fast vergessen!“
Ist auch besser so. Vergessen wir einfach, dass ich im Stadion war. Ist mir auch lieber.

Das Messi-Syndrom

„Chef“, rief ich beherzt über den Flur. „Ich muss Ihnen was gestehen.“

Ich hatte erwartet, er würde erstarren, in Gedanken schnell alle verfügbaren Möglichkeiten durchgehen, was ich nun gestehen könnte, aber er sagte nur:
„Ach, Sie waren das.“ Es klang gequält. (Schon vor langer Zeit hatte er mir Stadionverbot erteilt.)
Ja, ich war das. Ich war im Stadion. Tut mir leid.
Es war aber auch ein quälend langer Abend gewesen, in quälender Kälte. Skiunterwäsche wärmt nicht grenzenlos, das weiß ich jetzt. An kalten Abenden in zugigen Fußballstadien stellt sie spätestens gegen Ende der ersten Halbzeit ihre Dienste ein. Ungefähr zusammen mit dem Torwart der deutschen Nationalmannschaft.
Aber von vorne. Diese Geschichte begann schon vor Weihnachten, als T. mich binnen Minuten überredete mit zum Spiel Deutschland – Argentinien zu kommen.
„Du weißt doch wie das ausgeht“, sagte ich. „Du warst doch schon mal mit mir bei einem Länderspiel, du warst hinterher sauer auf mich, weil Deutschland drei-null gegen Tschechien verloren hat. Du wolltest mich nie wieder mitnehmen.“ (Wir erinnern uns.)
„Quatsch. Das wird lustig.“
Darauf die Reaktionen der anderen Teilnehmer:
V.: „Super! Ich glaub an dich! Du brichst den Fluch!“
B. (auf T.s Ankündigung, er hätte Karten, ob B. eine wolle, leicht panisch): „Geht deine Schwester mit?!?!“
S. (auf T.s Ankündigung, er hätte Karten, ob S. eine wolle, leicht panisch): „Geht deine Schwester mit?!?!“
Ich glaube, wie B. und S. haben auch einige junge Nationalspieler reagiert, nur dass man sie zu spät gewarnt hat.
Wahrscheinlich hat erst kurz vor Spielbeginn jemand dem jungen René Adler auf die Schulter getippt und gesagt: „René, cool bleiben, sie ist hier. Guck, da oben, Südtribüne, Block 219, Reihe 21. Aber mach dir keinen Stress, sie bricht den Fluch.“
Woraufhin René Adler die ganze erste Halbzeit lang mit den Augen die Südtribüne absuchte, sich der besseren Sicht wegen in der 44. Minute zu weit vom Tor entfernte und… na ja. Das war dann das 1:0 für Argentinien.
Oder die anderen. Sicherlich hat dieser jemand kurz vor dem Einlaufen Ballack, Podolski und Klose beiseite genommen, sie traurig angesehen und gesagt: „Also, es ist wieder passiert. Sie ist da. Südtribüne, Block 219, Reihe 21. Es ist wie damals gegen Tschechien. Ihr kennt das. Macht euch keinen Kopf. Ist ja nur ein Freundschaftsspiel.“
Aber die Herren gerieten trotzdem aus dem Takt und standen so verwirrt auf dem Platz herum, als müssten sie erst überlegen, wie das nun wieder geht mit dem Ball.
Zum wiederholten Mal ziehe ich daraus die Lehre: Nie wieder Stadion.
Nix da, sagt V. Jetzt erst recht. Auf 20 schlechte Spiele folgt ein gutes.
Zählt das pro Mannschaft? Muss ich mir noch 18 mal die Nationalmannschaft anschauen?
Nein, sagt V., das zählt insgesamt.
Wenn ich richtig gerechnet habe, liegen also noch 13 frustrierende Stadionbesuche vor mir.
Wer kommt mit?

24. Spieltag. Bochum.

V. und ich sind nun Onkel und Tante des kleinen E.

Das macht uns nicht nur sehr stolz, nein, wir finden auch, dass man E.s fußballerische Orientierung nicht früh genug in die richtige Richtung lenken kann. Vor allem, wenn der junge Vater Mainz-Fan ist.
Erste Schritte haben wir bereits unternommen:
1. In V.s Arm geparkt, starrte E. (5 Wochen) mehrere Minuten gebannt auf das Club-Logo an V.s  Brust. 
2. Gleichzeitig sangen V. und ich dem Kleinen ganz leise „Die Legende lebt“ vor.
E.s Reaktion: Kein Mucks. Konzentriertes Zuhören. Fokussierung des Club-Logos ohne einen Wimpernschlag. Guter Junge.
Der Anfang ist gemacht.