Archiv für den Monat: September 2009

Blattkritik: 11 Freundinnen

Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft ist gerade wieder Europameister geworden, nächstes Jahr ist die Frauen-WM in Deutschland und hier ist zwar immer von Frauen und Fußball, aber nie von Frauen, die Fußball spielen, die Rede.

Drei Gründe, das zu ändern und ein vierter: Das von V. hoch verehrte, von mir abonnierte Fußball-Magazin 11 Freunde hat ein neues Spin-Off herausgebracht: 11 Freundinnen. Und das schau ich mir jetzt genauer an, während V. im Liverpool-Trikot auf dem Sofa liegt und Bayern-Juve guckt.

Wer sehen will, von was die Rede ist, klicke hier.

Das Titelbild:
Die Nationalspielerin Kim Kulig, blond, hübsch, cool angezogen, lehnt an einer grünen Wand und schaut selbstbewusst in die Kamera. Das ist nett. Nett ist nicht gut. „Anbiedernd“, sagt V. (er hat vorher ungefähr drei Seiten der 11 Freundinnen gesehen, mehr nicht). Brav, finde ich. Und ein bisschen langweilig. Immerhin schaut Kim Kulig, die ich nicht kenne, ganz interessant aus, so dass ich wissen will, wer das ist. Aber die Zeile „Lieber Weltmeisterin als Millionen“ macht mich jetzt auch nicht heiß auf das Interview mit ihr.
Fazit: Das „Vaterheft“ (kann man das so sagen?) ist schon auf dem Titel lustiger, frecher, scheißt sich nix. Hier denke ich: Da hat man sich nicht getraut. Nicht, dass am Ende einer sagt, die machen sich über die Frauen lustig. Obwohl man mit Kim Kulig sicherlich hätte rumkaspern können. Aber da sind die 11 Freunde wohl Gentlemen.

Seite 3:
Hier setzt sich die schöne Kreideschrift vom Titelbild fort, aber leserlicher. Schön. Das Zitat war wohl ein Muss, so nach dem Motto: „Das ist das gültige Vorurteil, das bürsten wir jetzt mal gegen den Strich“ – soll ja auch so sein. Aber wenn 11 Freundinnen künftig vier Mal im Jahr erscheint, will ich nicht immer zum Einstieg ein frauenfeindliches Zitat. Echt nicht.

Inhalt:
„Coole Werbung“, sagt V. und meint Nadine Angerer auf der gegenüberliegenden Seite. Wenn wir schon mal dabei sind: Coole Werbung für Sportklamotten mit Frauen ist für mich nicht, Frauen einfach in Männerposen hinzustellen. Die Torfrau vorne dran, der Rest der Mannschaft schaut grimmig. Wo ist da der Unterschied zu den Jungs?

Aber weiter im Thema. „Ein eigenständiges Magazin für einen eigenständigen Sport“, soll das neue Heft sein. Wunderbar. Seh ich auch so. Die Einstellung ist die richtige, aber das hatte ich nicht anders erwartet. Kurzer Blick ins Impressum: Neben zwei Männern schreiben vier Frauen, Bild Redaktion, Art Direction: weiblich. So soll das sein.

Rubrik „Laufsteg“:
Kopfballduell während der Frauen-EM, ein Klassiker-Foto, aber behäbig getextet: „Auch Kerstin Garefrekes gibt die interessierte Beobachterin.“ Klingt nach Sonntagnachmittag in der Kreisklasse.

Rubrik „kleinklein“:
Na, geht doch: Die Spielerinnen des schwedischen Clubs Kristianstad DFF ziehen sich aus, Alien III und Marta wurden bei der Geburt getrennt. Der von den 11 Freunden gewohnte Esprit blitzt schon durch.
Manchmal hätte ich mir aber ein bisschen mehr Info, mehr Recherche gewünscht:
Ein Kleintext kritisiert die FIFA für einen prüden Ratgeber zu Menstruation,Verhütung und Schwangerschaft. Sicherlich zu Recht. Aber was soll ich mit dem Satz „Und wieso empfiehlt der Weltverband uneingeschränkt die Pille, ein Medikament, bei dem Spätfolgen nicht ausgeschlossen werden können?“ Ich glaube, bei so gut wie keinem Medikament können Spätfolgen ausgeschlossen werden. So gut wie jedes Medikament hat Nebenwirkungen, so auch die Pille – die etwa 75 Prozent der verhütenden Frauen nehmen. Man wird kaum einen Gynäkologen finden, der die Pille verdammt. Stattdessen wird er aufzählen, wie gut sie bei Regelbeschwerden oder Endometriose hilft, und das sie Eierstockkrebs verhindern kann. Den zitierten Satz finde ich oberflächlich – betroffene Männer und Frauen wird er irritieren. Die werden wissen wollen, was das für Spätfolgen sein sollen.
Ob ein dem Spielplan angepasster Zyklus, so heißt es weiter im Text, Langzeitschäden für den Körper zur Folge habe, wisse die FIFA auch nicht. Gemeint sind damit wahrscheinlich sogenannte Langzyklen, bei denen man nur alle drei Monate eine Pillenpause macht, nicht alle vier Wochen. Hätte man der geneigten Leserin auch mal erklären können, anstatt sich darüber zu echauffieren, was die FIFA alles nicht weiß. Ob Langzyklen auf Dauer schädlich sind, wissen nämlich auch Gynäkologen nicht. Sie vermuten: nein. Und empfehlen den Langzyklus meist auch uneingeschränkt.

Noch eine Meldung: Ein niederländischer Klub spielt in Röcken mit Radlerhosen drunter und kriegt deswegen Stress mit dem Verband, weil Röcke verboten sind. Habe ich verstanden. Nur – warum wollten die denn überhaupt in Röcken spielen? Stell ich mir unbequem und unpraktisch vor! Auch wenn das süß aussieht. Aber wir sind doch nicht beim Feldhockey!

Interview Kim Kulig:
Bild: Och Mensch. Wir sind doch nicht bei „Emotion“ oder „Für Sie“. Wenn ich da so so sehe, wie Kim Kulig da auf ihrer Rattanliege liegt, die grauen Steinplatten, das Terrassengeländer… Nee, das macht eigentlich keine Lust auf den Text. Aber gut. Manchmal hat man ja auch nicht viel Zeit mit der Protagonistin, der eigentlich ausgesuchte Ort zum Fotografieren ist scheiße, das Wetter auch. Ich verzeih das mal.
Text: Solide. War nett, Frau Kulig kennenzulernen. Ziemlich langer Fragenkatalog, kurze Antworten. Inhaltlich gibt das Interview nicht so viel her, aber eine 19-Jährige hat wahrscheinlich auch noch nicht so viel zu erzählen. Aber auf Platitüden-Fragen („Gibt es Dinge, auf die Sie im Leben verzichten müssen?“) gibt’s auch Platitüden-Antworten („Ich habe weniger Freizeit als andere in meinem Alter…“).

Rubrik „Gute Partie“:
Wie Deutschland zum ersten Mal Europameisterin wurde, Torfrau Marion Isbert erzählt. Schön.

Reportage „Frauen des FC Bayern“:
Frauen? Fußball? München? Der Text muss von Kathrin Steinbichler sein. Ist er auch. Ist gut so. Beobachtet gut, schreibt toll darüber, wie sich die FC Bayern Frauen über die Jahre Anerkennung im Verein erkämpfen. Und Gerd Müller bringt sogar Kuchen vorbei. Der Text zeigt aber auch, wie es aussieht bei den Frauen: Vom Verein gibt’s Lob und Schulterklopfen, aber spielen sollen sie bitte draußen in Aschheim, weit weg von den Männern. Dass sich das langsam ändert, zeigen wohl auch Beispiele wie Hoffenheim, worüber 11 Freundinnen hoffentlich berichten wird.

Rubrik „Mannschaftsbild“:
Klasse, alle Erwartungen erfüllt. Das Layout steht quer, als ob’s ein Poster zum An-die-Wand-hängen wär, vom Foto schauen ernst 13 schwarze Frauen über 60, die in Südafrika Fußball spielen. Über die hätte ich gerne mehr erfahren.

Reportage „US-Liga“:
Das wusste ich nicht – in den USA gab es acht Jahre lang keine Profiliga für die Frauen. Dabei hatte ich gerade dort die Heimat des Frauenfußball verortet. Spielen da nicht alle Mädchen in der Schule Fußball? Kommt da nicht auch der Begriff „soccer mum“ her? Der Artikel hat mich schlau gemacht, das mag ich. Aber ob ich als deutsche Spielerin da rüber wollte, wenn die wohl eh bald wieder pleite machen? Ich weiß nicht.

Rubrik „Gleichberechtigung“:
Männer im Frauenfußball. Dickes Lob.

Rubrik „Es war einmal“:
Schwarz-weiß Fotos von früher. Geht immer. Soll fast immer. Hier auf jeden Fall.

Rausschmeißer:
Bei den Jungs drüben gibt es Günter Hetzer, vorher mal Rolf Töpper, Wien. Sowas ist schwer zu überbieten. Aber man hätte es ja mal versuchen können. Stattdessen gibt’s „Kaffeeklatsch mit Hannelore“, ein Interview mit dem einzigen weiblichen Präsidiums-Mitglied des DFB, Hannelore Ratzeburg. Das ist sehr sachlich: Die Vereine müssen besser trainieren, im Stadion muss man auch einen Kaffee trinken können, Play-Offs sind keine Alternative zum zerrissenen Ligabetrieb, „weil es die normale Serie sportlich entwerten würde“. Das klingt schon sehr nach Präsidium, fast schon präsidial! Da hätte man gleich mit Horst „FußballFußballFußball“ Köhler sprechen können. Also hinten raus bin ich enttäuscht, da säuft das Heft ein bisschen ab. Kaffeeklatsch mit Hannelore? Och nee, dann lieber auf einen Trollinger mit Günter Hetzer.

Fazit:
Gutes Heft, aber da geht noch mehr. Ich bin gespannt auf die zweite Ausgabe in gut drei Monaten. Nur einen Einwand habe ich: Wer soll das lesen? Genauer: Wer ist die Zielgruppe? 11 Freundinnen liegt der 11 Freunde bei, hat aber auch eine kleine Auflage am Kiosk.
Wer liest die Beilage? Der normale 11-Freunde-Abonnent? Der wird so schnell nicht mit Frauenfußball warm werden, der wird weiter sagen, „Da geht’s zu wenig zur Sache, die foulen ja nicht mal“. Von der Meinung wird er nach der ersten Ausgabe nicht abrücken. Dafür war das Heft zu brav, da ging’s kaum zur Sache und getreten wurde schon mal gar nicht.
Vielleicht soll’s ja seine Freundin lesen? Als Beilage vielleicht – aber würde sie sich das Heft auch am Kiosk holen? Wohl eher nicht.

Es braucht einen langen Atem, so ein Heft zu etablieren. Da geht’s um den Klassenerhalt. Ich hoffe, das klappt.

7. Spieltag. Bochum.

Er wäre ein guter Fußballmanager, sagte V. heute morgen. Nein – sogar ein außerordentlich guter!
Ich kann nicht ganz folgen, die Zeitung verwirrt mich, das Panorama klebt hinten am Sportteil, wer macht denn sowas! Dieses Zusammengeschustere ist höchst problematisch, denn normalerweise liest V. den Sportteil und ich das Panorama, was schlecht geht, wenn beide plötzlich eine Einheit bilden. 
Starre ich also muffelig in meinen Ingwertee. V. doziert weiter über seine Qualitäten als Manager. Wie kommt er eigentlich darauf? Hat doch noch nie irgendwas gemanagt! Sieht man von so Sachen wie Auto kaufen und verstopfte Abflüsse reparieren ab.
Schlaftrunken reichen sich ein paar Synapsen in meinem Hirn die Hände. Stimmt, da war ja was. V. hat am Abend zuvor den Manager des 1. FC Nürnberg, Martin Bader, bei Blickpunkt Sport gesehen. Herr Bader war sehr ernst, dem Anlass angemessen. Der Club hat gegen Bochum verloren und steht auf einem Relegationsplatz. Früher hieß das auch Abstiegsplatz, aber dann hat man die Relegation wieder eingeführt.
Herr Bader musste sich, so sah es V., vom Moderator unverschämte Fragen gefallen lassen. Zum Beispiel, ob der Verein ein Problem damit hat, dass der Trainer drei Mal in Folge verliert, aber noch Zeit findet, beim Bezahlfernsehen zu kommentieren. Kann man gerne fragen, fand ich. Sollte man auch. Für V. kam das einer Majestätsbeleidigung gleich! Dass der Herr Bader darauf noch so ruhig und freundlich antworten könne!
Ja, das sind die kleinen, nicht unwichtigen Feinheiten des Journalistenberufs, die will er manchmal nicht sehen. Und die sind ihm auch nicht bewusst, wenn er sich wünscht, seine Frau möge zur Sportreporterin umschulen.
Das alles geht mir noch mal durch den Kopf, während ich den Ingwertee beobachte. Zwei weitere Synapsen fallen sich jubelnd um den Hals. Du! Hier! Auch schon wach!
Warum er denn ein so guter Manager wäre, frage ich V.
Na, weil er sich diese unverschämten Fragen nicht gefallen lassen würde, sei doch klar.
Dann wärst du ja wie Uli Hoeness, sage ich.
Da ist er beleidigt.

Pokal? Welcher Pokal?

Ich hatte fest vor, unter dem Label „DFB-Pokal 2009/2010“ mehr als einen Eintrag zu veröffentlichen. Nun, die Chance habe ich insofern verpasst, dass

a) ich zu verpeilt war, etwas zur ersten Runde zu posten und
b) der Club gestern sowieso ausgeschieden ist, gegen Hoffenheim. Da hätten wir gleich nochmal gegen Bayern spielen können. Immer feste druff.

Das mag nun ungerecht sein, hat V. aber im Großen und Ganzen doch nicht tangiert.

Weil der VfB Wolfsburg, Hertha BSC Berlin und der HSV auch ausgeschieden sind.

„Da ist man doch als Pokalausscheider in bester Gesellschaft“, findet V.

6. Spieltag. München.

Es gibt Ereignisse im Leben, die sollte man nicht alleine durchstehen. Man sollte sich stattdessen gute Freunde an seine Seite holen, solche, die einem unterstützend auf die Schulter klopfen, solche, die, die Niederlage vor Augen, einfach noch ein Helles bestellen. Wenn möglich, sollten auch noch ein, zwei Engländer dabei sein, die enthusiastisch, in einer Kneipe voller Bayern-Fans, „Go Nuremberg!“ rufen, aber das ist dann eher die Deluxe-Edition.

Wir haben also die Niederlage der Nürnberger gegen die Bayern am vergangenen Samstag zusammen mit guten Freunden und zwei Engländern, aber umringt von Bayern-Fans in einer Bayern-Kneipe erlebt.

Es war gar nicht so schlimm. Die Bayern-Fans bedachten uns eher mit mitleidig-gerührten Blicken als mit der Aggressivität des Gegners. Wenn sie bei den beiden Bayern-Toren jubelnd die Arme nach oben rissen, rutschten wir noch etwas tiefer in unseren Stühlen nach unten und bildeten ein kleines Loch im Jubel-Teppich. Im Gegenzug sprangen beim Nürnberg-Tor auch nur wir von den Sitzen.

Gegen Ende des Spiels versuchten P. und ich noch, der bevorstehenden Niederlage Positives abzugewinnen. Wir hatten beide 3:1 für Bayern getippt und ich war überzeugt, am Montag wenigstens ein bisschen Geld einzustreichen, sozusagen als Entschädigung. Hat auch nicht geklappt.

V. war tapfer. Ärgerte sich natürlich wieder mit ungefähr zwei Stunden Verzögerung. Verpasste mir und P. einen Anschiss für unseren Tipp. Macht man nicht. V. hat natürlich Unentschieden getippt. Ein echter Fan rechnet nie mit einer Niederlage seines Clubs. Zumindest nicht V.

Lieber bestellt er noch ein Helles.

Kleines Glück.

Zur Verbesserung meines Autoschlafs haben wir ein neues Auto gekauft. Heute morgen war V. bei der Zulassungsstelle, um es anzumelden und das Nummernschild abzuholen.

Danach ruft er mich sofort an.
V: Ich muss dir sofort das Kennzeichen sagen! Das glaubst du nicht! M-FV!!! Wahnsinn!
Ich: Das ist großartig!
V: FV! Fußballverein!
Ich: Hab ich kapiert, ich bin ja nicht blöd.
V: Ist das nicht klasse? Nicht, dass du denkst, ich hätt dazu was beigetragen! Das war kein Wunschkennzeichen. Das haben die mir einfach so gegeben! FV!
Nie hatte je ein Volvo ein schöneres Kennzeichen. Einfach so.