Archiv für den Monat: April 2009

V. spielt selbst (4)

Zwei Stunden danach:
V. hat einen hochroten Kopf und schwärmt T. am Telefon vor, dass alles super war. Der hat gerade 4:0 gewonnen und kann nur noch lallen: „Magnesium! Gegen den Muskelkater!“ Klar, Magnesium. Haben wir natürlich da. Und ist in T.s Asbach-Cola hoffentlich auch drin. Der Stürmerstar hat nämlich auch ein Tor gemacht. Es wurde sogar gezählt.

Sechs Stunden danach:
V. tut alles weh. Der Körper, allen voran die Beine. Die Seele auch. „Fünfzehn Jahre vergeudet“, seufzt er abends im Bett. „Wenn ich die letzten fünfzehn Jahre gespielt hätte, wie fit wär ich da jetzt.“ Na ja, aber Nationalspieler wäre er wohl trotzdem nicht. Aber vielleicht in einem Verein. So richtig. Jetzt ist es halt der Englische Garten.

Vierzehn Stunden danach:
V. konnte nicht gut schlafen, weil ihm die Beine so weh getan haben. Will sich ein Buch über Ausdauertraining kaufen. Muss unbedingt was machen.

Fünfzig Stunden danach:
Beide Schienbeine tun ihm wirklich echt weh, obwohl es nur sehr kleine Wunden sind. Sieht aber auch ein bisschen geschwollen aus. Hoffentlich ist es keine Muskelentzündung oder so, sagt V. der ewige Hypochonder.

Und dass das bis zum Wochenende wieder weg sein muss, bis zum nächsten Spiel.

Ach ja, und Club hat natürlich auch gewonnen. Und ist Zweiter.

V. spielt selbst (3)

Kurz vor dem Spiel:
Aufmunterungsanruf von T. Der Chancentod hat selbst gleich ein Spiel (Dritter gegen Vierter) und vergangenen Sonntag einige sichere Tore nicht gemacht. Aber er findet nette Worte für den Neufußballer.

Das Spiel:
Es sind ungefähr zehn, sie kennen sich kaum, und vom Spielfeldrand aus kann man nicht ausmachen, wer zu welcher Mannschaft gehört. Links und rechts spielen andere Hobby-Mannschaften. Eine Flasche Sekt ist zu wenig für sechs Spielerfrauen, auch wenn eine davon schwanger ist (die natürlich Limo getrunken hat). Ein Spieler trägt ein Liverpool-Trikot mit „Gerrad“ auf dem Rücken. Ist aber ein altes, sagt V. Fast alle haben Fußballschuhe, die aussehen, als hätten sie die schon länger. Außer V. kenne ich noch drei Spieler, wovon zwei sehr agil sind. Also agiler, als ich dachte, und vor allem agiler als V. Der hält sich in der ersten halben Stunden sehr oft die Seite, oder lässt den Oberkörper nach unten durchhängen. Das habe ich natürlich nicht fotografiert. Sondern das:

Er schießt ein Tor. Es wird nicht gewertet, weil alle der Meinung waren, der Ball sei „zu hoch gewesen“. Da es statt Toren Fahrräder und Rucksäcke gibt, muss man sowas halt schätzen.

V. freut sich trotzdem über das Tor. Er hat Seitenstechen. Die Schuhe sind super, sagt er.

Die zweite Halbzeit läuft besser und V. ist in der Siegermannschaft (7:5) und hat eine Verletzung am Schienbein.

Nächstes Mal mehr Sekt und Sonnencreme.

Weiterlesen: Teil 4

V. spielt selbst (2)

Einen Tag vor Spielbeginn:
Einkaufen mit V. ist super, wenn er weiß was er will. Heute weiß er, dass er ins Sportgeschäft gehen und Kaiser 5 kaufen will. Genau das tut er und nach fünfzehn Minuten und zwei Anproben (46? 47?) wünscht ihm die entzückende, blutjunge Verkäuferin sogar noch „Viel Spaß beim Spielen“. Mei, dass er das noch erleben darf, mit 33.

Auf dem Heimweg erzählt er mir, dass manche Leute in den Foren raten, sich mit den Schuhen in die Badewanne zu legen, damit sie sich optimal dem Fuß anpassen. Ich traue ihm alles zu.
Die Schuhe sind übrigens sehr schick. Sehr retro.

Zu Hause mache ich eine Waschmaschine mit allen roten Klamotten fertig. Während ich ein Nürnberg- und zwei Liverpool-Trikots aufhänge, frage ich: „Welches Trikot ziehst du denn morgen an?“

V: „Woher willst du wissen, dass ich ein Trikot anziehe? Vielleicht nehm ich auch ein T-Shirt.“

Zwei Stunden vor Spielbeginn:
Ich: „Warum ziehst du nicht das Liverpool-Trikot an?“
V: „Ach, ich weiß nicht, das ist vielleicht schon ein bisschen angeberisch. Ich weiß ja nicht, was die anderen dann denken… Das Nürnberg-Trikot ist schon besser.“
Genau. Fränkische Bescheidenheit demonstrieren, kommt immer gut.

Ich hole den Sekt aus dem Kühlschrank und packe ihn zu den Plastikbechern im Rucksack. Ich werde zusammen mit anderen Spielerfrauen auf das Spiel anstoßen. V. ist das nicht recht.

Eine Stunde vor Spielbeginn:
V: „Ich bin so aufgeregt. Ich bin so aufgeregt. Die spielen bestimmt alle besser als ich. Oh Gott. Ich hab ja schon so lange nicht mehr gespielt. Also eigentlich noch nie so richtig. Ich bin so aufgeregt. Hoffentlich ist da kein wirklich guter dabei. Weißt du noch, ich hab mal mit diesen Pharmazeuten gespielt, und da war ein ehemaliger Landesligaspieler dabei, das macht einfach keinen Spaß, ach, ich bin so aufgeregt…“

Im Radio spielen sie „Let it be“.

Ich: „Ist das jetzt ein Zeichen, dass du es lieber sein lassen solltest?“

V: „Auf keinen Fall. Ich seh das positiv. Die Beatles kommen ja aus Liverpool, das wird also auf jeden Fall gut.“

Weil V. körperlich fürs Radfahren nicht gemacht ist (heißt, V.s Körper fährt nicht gerne Rad), nehmen wir den Bus in den englischen Garten.

Weiterlesen: Teil 3

V. spielt selbst (1)

Vor vier Monaten:
Auf einer Party kurz vor Weihnachten stehen Männer Ende zwanzig, Anfang dreißig herum. Sie trinken Bier, sie reden über Fußball im Allgemeinen, über bestimmte Vereine im Besonderen. Ein Mainzer ist dabei, ein Köln-Fan, einige andere und natürlich V. Die anwesenden Frauen beobachten die Männergruppe amüsiert, stoßen mit Baileys an und reden über Kindererziehung.
Plötzlich sind die Männer ganz aufgeregt, sie rufen wild durcheinander, die Frauen hören nur verzerrte Laute, die sich anhören wie „Ja, das machen wir!“ oder „Davon hab ich schon immer geträumt!“ und „Wir fangen spätestens im Februar an!“ Die Männer stoßen mit Bier an, sie umarmen sich, ihre Gesichter strahlen wie die kleiner Jungs an Weihnachten und die Frauen sind ein bisschen neidisch. Auf den Moment der vorbehaltlosen Zusammenrottung, des ungeniert geteilten Glücks miteinander warten sie noch. „Wollen wir nicht mal zusammen ins Kino gehen?“, fragt eine, während die Männer beschließen, eine Hobby-Fußball-Gruppe zu gründen. Wenn es schon nie für den Vereinsplatz daheim gereicht hat, im Englischen Garten spielen können sie alle mal.

V. sagt, dass er sehr glücklich ist und Fußballschuhe kaufen muss.

Vor ungefähr zwei Monaten:
Der Spielbeginn wird erst einmal verschoben, im Februar ist es einfach noch zu kalt.

Vor zwei Wochen:
V. berät sich ausführlich mit T. Dieser – Stürmerstar, Schwalbenkönig, Chancentod – thematisiert natürlich erst einmal die Ausrüstung. „Du kannst klar billige Fußballschuhe kaufen, so für dreißig, vierzig Euro“ – V. verzieht das Gesicht, er ist ein überzeugter Markenjunkie – „aber du willst bestimmt die Adidas Kaiser 5. Das sind super Schuhe.“ Ende der Werbesendung. V. macht sich im Internet noch ein bisschen schlau – es gibt Foren zu Fußballschuhen, wen wundert’s noch – und ist natürlich überzeugt. Nur ob der Name „Kaiser“ auf Franz Beckenbauer zurück geht, kann er mir nicht sagen.

Weiterlesen: Teil 2

Romantik.

In der Samstags-Seite-3-Reportage sagt Rosamunde Pilcher heute, dass Leidenschaft keine gute Basis für eine Ehe sei. Respekt und Pragmatismus – mit diesen Grundsätzen könne man gemeinsam alt werden und mit diesen Grundsätzen war Mrs Pilcher auch 62 Jahre verheiratet.

Nachdem ich diese Zeilen gelesen habe, lausche ich pragmatisch V.s Lesung aus dem heutigen Sportteil über die Jugendförderung des FC Bayern, warum dessen Talente jetzt alle woanders spielen und warum Misomovic unter 80 Kilo bleiben sollte.
„Ach“, seufze ich in einem Anfall von leidenschaftlichem Pragmatismus. „Ich freu mich schon drauf, mit dir alt zu werden.“
V. überlegt kurz.
„Oh ja“, sagt er. „Dann haben wir ein Haus und schauen den ganzen Tag englische Liga!“
Im Übrigen kann der Club morgen Zweiter werden. Also Daumendrücken.