Archiv für den Monat: März 2009

Urlaub, Tag 2.

Mein Highlight: Abendessen auf einer Terrasse am Meer, Atlantikrauschen, Möwenkreischen, Sonnenuntergang. Pescado fresco, vino tinto, romantico.

V.s Highlight: Satelitenfernsehen im Ferienhaus, DSF auf Programmplatz 166. Die Begegnung Freiburg – Club ab Minute 52. Das 1:0 von Dario Vidosic.
Wir beide sind: entspannt.

V. liest Zeitung – Teil 2

Am Wochenende liest V. nicht nur sehr ausführlich den Sportteil – er liest ihn auch vor. Mir.

Das wäre kein Problem, wenn ich sehbehindert, Analphabetin oder interessiert wäre. Nur trifft keines dieser Attribute auf mich zu.
Nicht an einem Samstagmorgen. Nicht einmal, wenn ich eine sehr lange Seite-3-Reportage über den neuen Wirtschaftsminister lese.
Der Samstagmorgen läuft im ungefähren so ab (wenn wir nicht gerade um 7 Uhr morgens mit dem Bus in den Bayerischen Wald fahren): Aufstehen, Kaffee kochen, Zeitung vor der Tür holen, Wasser für Eier heiß machen, Geschirr in Esszimmer tragen, Essen ins Esszimmer tragen usw. 
Hinsetzen, Zeitung aufklappen, Sportteil für den Angetrauten herausfischen.
Dann ich: Erste Seite kurz überfliegen, Panorama-Teil ein bisschen lesen, Zeitung aufblättern, Seite 3 lesen. Dazu: schweigen.
Dann V.: Sportteil entfalten, Aufmacher taxieren, schweigen. Dann: Kann ich dir kurz was vorlesen?
Ich (stecke gerade im zweiten Absatz): Nein. Ich lese auch.
V.: Ja, aber du bist ja erst am Anfang. Macht ja nix. Also, Uli Hoeneß hat nämlich gesagt…
Ich: Will ich nicht wissen. Interessiert mich nicht. Ich lese selbst.
V.: Ja, aber das ist jetzt wirklich wichtig. Das muss ich dir vorlesen.
Ich: Musst du nicht. 
V.: Es ist wirklich lustig.
Ich: Ist es nicht, ist es nie. Es ist ein aus dem Zusammenhang gerissener Satz über Uli Hoeneß, den du irgendwie lustig findest. Den will ich nicht hören, ich will nicht darüber lesen, ich will jetzt die Reportage über den Guttenberg lesen.
(Beleidigte Stille, ca. 4 Minuten.)
V.: Das mit den Karlsruher Ultras musst du jetzt aber wirklich wissen.
Ich: Nein. Muss ich nicht. Du musst ja auch nicht wissen, was der Guttenberg gestern zur  Merkel gesagt hat. Ich les dir das ja auch nicht vor.
V.: Weil es ja auch nicht relevant ist. Also, die Ultras…
(Es folgt eine längere Ausführung zum Thema, während ich gleichzeitig versuche, den Artikel fertig zu lesen, ohne mit von V. ablenken zu lassen)
Irgendwann hat V. dann den Sportteil durch und nimmt den Feuilleton. Daraus liest er übrigens nie vor. Was nicht fürs Feuilleton spricht.

Frust. Bier. Bratwürste.

V. sagt, er sei unzufrieden. Warum?, frage ich.

Hm, nee, weiß nich, is auch egal, nich so schlimm, grummelt er.
Stimmt alles nicht: Er weiß es sehr wohl, es ist nicht egal, und ist definitiv schlimmer als „nicht so schlimm“.
Es liegt natürlich am Club, genauer gesagt, an den letzten beiden Spieltagen.
Vor zwei Wochen war er extra nach Nürnberg gefahren, den Kollegen und Mainz-Fan D. auf dem Beifahrer-Sitz, um drei Abseitstore und ein Null-null zu sehen. 
Bei seiner Rückkehr, gegen Mitternacht, war er mittelschlecht gelaunt und antwortete auf die Doppelfrage „Wie viele waren im Stadion und wie war’s?“ mit „30.000, zwei Bratwürste und ein Bier.“
Eine Stunde und zwei Mai-Tai später platzte es plötzlich aus ihm heraus: „Jetzt kommt der Frust. Oh wie scheiße. Drei Abseitstore. Davon zwei für den Club. So ein Mist.“
Der Abend war gelaufen.
Vor einer Woche musste ich mich wegen eigener Unzufriedenheit einen Abend lang betrinken und kam erst nach Hause, als V. schon im Bett lag, die Decke über beide Ohren gezogen, die harte Realität des Zwei-zwei aussperrend. Wobei ich nichts vom Zwei-zwei wusste und in leicht angetrunkener Naivität mit Zuspruch und Romantik rechnete.
Dazu V.: Hallo. Hab nur die letzten zehn Minuten gesehen. Stand Zwei-eins für den Club, als ich eingeschaltet hab. Und dann machen die Duisburger noch das Zwei-zwei. Oh wie scheiße. So ein Mist.
Der Abend war dann auch gelaufen.