Archiv für den Monat: Dezember 2008

Die anderen spielen auch nicht schlecht

In der Nacht von Samstag auf Sonntag erwäge ich das Engagement eines Mentaltrainers. Für V. – der wälzt sich nämlich schlaflos neben mir, so sehr regt ihn die Begegnung 1860 gegen FCN zwölf Stunden vorher schon auf. Noch beim Frühstück beschließe ich, dass das mit dem Mentaltrainer keine schlechte Idee ist. Der könnte V. vor unserem nächsten Stadionbesuch bestimmt beruhigend zur Seite stehen. 

Vielleicht kann ich ihm das auch zum Geburtstag schenken.

V. hat auf andere Weise vorgesorgt: Nämlich mit Thermo-Unterwäsche, neuer Mütze und Handschuhen. Der Sonntagnachmittag verspricht ein besonders kalter zu werden. Über mein eigenes Befinden mache ich mir zu diesem Zeitpunkt kaum Gedanken.
Wir sind schon längst in der Allianz Arena angekommen, da spüre ich erst, welcher Druck auf mir lastet. Ich sehe in die entsetzten Augen von H. und A., als ich ihnen erzähle, dass der Club bislang in meiner Gegenwart immer nur verloren hat. Und dafür sind sie über drei Stunden mit dem Zug angereist. Um sich von mir den Sonntag verderben lassen. 
Schon vor dem Anpfiff habe ich ein schlechtes Gewissen.
Das 1:0 für den Club beruhigt mich, die Halbzeit nicht mitgerechnet, keine Viertelstunden, die 60er legen ja gleich nach. Ich ärgere mich. Rutsche unruhig auf meinem Sitz hin und her. Verziehe den Mund zu einem konzentrierten Strich. V. lacht sich kaputt. Die anderen spielen ja auch nicht schlecht, sagt er. Das klang vor dem Spiel aber noch anders.
Nach 90 Minuten und einem Unentschieden bin ich immerhin dankbar, dass der Club diesmal zumindest nicht verloren hat. Vielleicht klappt’s ja nächstes Mal. Bis dahin bin ich ernsthaft auf der Suche nach einem Mentaltrainer. 
Nein, nein, doch nicht für V. Ich dachte da eher an mich.

Der Jahrestag

Händchen halten wir nicht. „Jetzt nicht“, sagt V. „Das ist gerade viel zu spannend.“

Romantisch ist es trotzdem. Es ist Montag und unser elfter Jahrestag und irgendwie schon schön, dass der 8. Dezember vor elf Jahren auch ein Montag war und für den Club ein Zweit-Liga-Spieltag. 
„Wie geht’s?“ frage ich in der 23. Spielminute. „Ein 2:0 ist noch nicht gut“, orakelt V. 
Beim 3.0 vergesse ich dann, mich zu freuen, weil ich’s erst nicht kapiere, beim 4:0 holt V. gerade das Nutella-Glas aus der Küche und kann sich nur über die Zeitlupe freuen.
Aber dann sind wir plötzlich sehr beseelt von diesem Jahrestag, über den Marek Mintal nur sagt: „Ist gut für Mannschaft, ist gut für Club.“ Jawoll. Und Blumen hab ich auch bekommen.

Immobilien

„Und in zehn Jahren kaufen wir uns dann zwei nebeneinander liegende Doppelhaushälften“, sagt A.

Vor meinem inneren Auge sehe ich eine kitschig-bürgerliche Idylle, in der A. und ich, jede mit einem Glas Rotwein in der Hand, auf einer Hollywood-Schaukel liegen, um uns herum springt eine Schar hübscher, hochintelligenter Kinder, am Grill stehen V. und D. vor mehreren Lappen Fleisch, während im Haus der neue Super-Receiver alle Bundesliga-Begegnungen des Tages gleichzeitig aufzeichnet.
V.s Vision sieht ähnlich aus, aber er hat noch einen Einwand.
„Dann müssen wir uns einigen, welche Fahne im Garten hängt, Club oder Mainz.“
Daran hatte ich natürlich nicht gedacht.
„Obwohl“, sagt V. „Ist ja beides rot-weiß, passt schon.“
Idylle, wir kommen.

Empfang (3)

Der Receiver ist da. Er hat mindestens 1000 Programme, sprach anfangs nur Tschechisch und verfügt über keinen wie auch immer gearteten Schlitz für Bezahlfernsehen.

V. im Rausch. DSF, Eurosport, Canal Futbol und und und.
Da unterbreche ich nur ungern.  „Wir haben am Montag ja Jahrestag“, sage ich.
V. antwortet, wie ich es von ihm erwarte: „WAS?! Am MONTAG?! Nein, bitte tu mir das nicht an, nicht am MONTAG! Ich hab schon den Mittwoch für dich geopfert.“
Am Mittwoch, während andere Männer versuchen die Champions League zu gewinnen, schleift mich V. beim Samba übers Parkett.
Seine Stimme bekommt einen flehentlichen Unterton: „Am Montag ist doch das Spiel gegen Rostock! Das wird übertragen! Und jetzt haben wir doch DSF!“
Immerhin hat er schon einmal ein Montags-Club-Spiel für mich sausen lassen. Vor elf Jahren. Das kann ich ihm nicht schon wieder antun.

Verhört

„Ach, und hab ich einen wirklich tollen Artikel im Stern gelesen“, rufe ich V. zu, der im Schlafzimmer an der Bügelwäsche verzweifelt, während ich mir in der Küche noch ein Salami-Brot schmiere.

„Über Jürgen Klopp.“ 
Na ja, ich rufe das weniger, als das ich es am Salami-Brot vorbeimüffele, deshalb kommt etwas raus das eher klingt wie „… …. Kl…bb.“
Plötzlich schießt V. um die Ecke. „Was?! Wo?! Wie lange?! Hast du’s dabei? Kann ich’s lesen?“
Ich gucke ein bisschen verständnislos, schlucke das Salami-Brot hinunter, um mich wieder einwandfrei artikulieren zu können und sage: „Seit wann bist du so interessiert an Jürgen Klopp?“
Verständnislosigkeit bei V. „Klopp? Ich dachte, ich Stern steht was über den Club!“
Er schlurft zurück ins Schlafzimmer und murmelt noch eine Zeitlang kopfschüttelnd „Klopp, Klopp, als ob mich der interessieren würde“ vor sich hin.