Archiv für den Monat: Juni 2007

Verletzt.

V. hat einen Muskelfaserriss. „Cool“, sagt er. „Wie Robert Vittek.“

Alles ist cool, solange es nur ein Fußballspieler auch hat. Der Muskelfaserriss hat V. innerhalb kürzester Zeit auf Fußballer-Niveau katapultiert, auch wenn nicht geklärt werden kann, bei was er sich die Muskeln überhaupt gerissen hat.

Von Robert Vittek kann man annehmen, dass er recht exzessiv Fußball gespielt hat, vielleicht blöd gestolpert ist – jedenfalls musste er daraufhin acht Wochen aussetzen.

V. hatte zwei Wochen vor der Diagnose überhaupt keinen Sport getrieben. Was eigentlich eine Unverschämtheit ist: Für einen Muskelfaserriss muss sich einer wie Robert Vittek richtig schinden, V. tut dagegen einfach so die Wade weh.

Dafür hat er jedoch schon nach einer Woche wieder eine sportliche Betätigung aufgenommen.

Denn der Muskelfaserriss war nach wenigen Tagen schon gar nicht mehr so cool. Weil sich D. in schönster Mintal-Manier den Mittelfuß gebrochen hatte.

Und der ist nicht mal Fußball-Fan.

Oh.

Das kurzangebundene „oh“ ist eine sehr schöne Antwort. Selten drücken zwei Buchstaben so viel aus. Zum Beispiel als Reaktion auf die Aussage „Mein Bruder ist Fan von Borussia Dortmund.“

„Oh.“ sagt mein Gegenüber. Es ist kein langgezogenes „oh“, auch kein Ausruf und es ist schon gar nicht laut. Nein, es kommt leise, knapp und der Punkt schwingt noch mit. „Oh“ heißt in diesem Fall „Mensch, das tut mir aber leid, na ja, da kann man nichts machen, die waren ja wirklich mal gut, aber jetzt, hm, wird schon wieder.“

Früher war das auch eine gängige Reaktion auf „V. ist für Nürnberg.“

Jetzt aber haben sich die Zeiten geändert und ein schönes Beispiel dafür ist das Gespräch, das V. mit unserem jungen Bayern-Fan B. am vergangenen Wochenende führte. Deutschland hatte gerade 6:0 gewonnen und trotzdem schlecht gespielt und weil die deutsche Nationalmannschaft deshalb nicht viel Gesprächsstoff hergab, ließen die beiden also noch mal die Saison und das Pokalfinale Revue passieren.

Ich erinnere gerne noch einmal daran, dass B. am Anfang der Saison, in schönster Hoeneß-Rummenigge-Manier irgendwas von mästen und dann schlachten faselte.

Knapp neun Monate später hörte sich das dann so an: Er habe sich da ja schon weit aus dem Fenster gelehnt, einem guten Start in die Saison unterstelle man ja Abstiegsgefahr an deren Ende, das nehme er jetzt natürlich gern zurück und dass er im Pokal auf Stuttgart getippt habe gleich dazu.

Dann schimpfte er mit V. ein bisschen über die Einkaufspolitik des FC Bayern, die aus meiner Sicht vergleichbar ist mit einem geistig umnachteten Zug durch die Kaufinger Straße, an dessen Ende einem die Henkel der Tüten in die Finger schneiden und man trotzdem keine wirklich tollen Klamotten mit nach Hause trägt.

Oh.

Gewonnen.

Es ist sehr schwer, für diesen Eintrage eine passende Überschrift zu finden, es bieten sich zu viele an: Meisterbesieger, Trainerfuchs, Marek Mintal Fußballgott, Pokalsieger, Pottgewinner, das Wunder von Berlin…

Tag sechs nach dem Pokalfinale: Vor zwei Tagen meinte V. er sei etwas überfordert angesichts der Flut von Nürnberg-lobenden Zeitungs- und Internetartikeln, die er alle lesen müsse und wolle. Er sei in ein Loch gefallen, ein bisschen. Wahrscheinlich ist das wie bei einer wichtigen Prüfung vor der man sich tierisch in die Hose macht und dann war alles gar nicht so schlimm und man hat plötzlich nichts mehr zu tun.

Aber ein schönes Spiel war es schon, mal abgesehen den bösen Fouls der Stuttgarter und der Tatsache, dass wir fast zwei Stunden um Marek Mintals Mittelfuß zitterten. Dass er zur Siegerehrung auf den Platz gehumpelt kam, trieb uns fast die Tränen in die Augen.

Und V.? War nach dem Finale fast wie gelähmt, schüttelte den Kopf, starrte ungläubig in Richtung Fernseher. Pokalsieger, sowas.

Es wird jetzt also weiter gehen, auch hier im Blog: Uefa-Cup, Deutscher Meister, Champions League, Weltherrschaft: Spätestens 2012 wird Michael A. Roth Fifa-Präsident.

Zur Legende wiederum ist ja Hans Meyer geworden, dem sie jetzt wahrscheinlich vor dem Frankenstadion ein Denkmal bauen, ähnlich dem Shankly-Abguss vor Anfield Road (zum Liverpool-Desaster gegen Mailand wollen wir hier mal schweigen).

An Eloquenz ist er ihm jedenfalls ebenbürtig. Am besten hat mir am Samstag eigentlich Moni Lierhaus‘ Interview mit Meyer und Veh gefallen. Meyer reagierte ein bisschen genervt auf die Frage, wie die Nürnberger das denn geschafft hätten, den Deutschen Meister zu schlagen.

Meyer brummelte was von „weiß ich doch nicht, wie soll ich das auch wissen, so kurz nach dem Spiel ist doch auch egal.“ Tja, dann gab Moni die Frage halt weiter an den salzsäulenhaft erstarrten Armin Veh.

„Herr Veh, warum haben Sie gegen Nürnberg verloren?“

Veh kam nicht dazu zu antworten.

„Das ist jetzt mal ne gute Frage“, grinste Meyer.

Und die Antwort ist uns eigentlich scheißegal.