Archiv für den Monat: Februar 2007

23. Spieltag: Cup der guten Hoffnung

Er verließ am Samstagmorgen das Haus und ließ den ganzen Tag nichts von sich hören. Keine leidgeplagte Nachricht auf dem Handy, kein enttäuschter Seufzer am Telefon. Am Abend erfuhr ich das Ergebnis, 2:1 für Mainz. Ich sorgte mich ein bisschen.

Er kam am Sonntagabend zurück, entspannt, gut gelaunt, als er hätte er da was nicht verstanden. Aber jetzt mal ehrlich, eigentlich muss man V. dafür loben. Dass er nicht in Lethargie verfällt, abergläubisch wird oder wütend vor sich hin schimpft.

Er hat die Niederlage genommen wie ein Mann, der noch weiß, wie es in der zweiten Liga aussieht. Es war ein gutes Spiel, sagte er, und dass sie in der vierten oder fünften Reihe saßen. Und dass es anstrengend ist, zu einem Auswärtsspiel zu fahren. Ich solle froh sein, dass er es so anstrengend finde. Unsere Wochenenden, gerettet.

Gestern lag auf dem Schreibtisch der ausgefüllte Antrag für die Club-Mitgliedschaft. Heute ist Pokal, der Manager des FCN hört im Auto Nirvana und der Club ist immer noch auf einem Uefa-Cup-Platz.

Aber das nur nebenbei.

22. Spieltag: 24 Stunden sind nicht genug

Wieder gewonnen. Völlig unerheblich das. Gegen wen, noch unerheblicher.

Wichtiger, sagt V. gerade in diesem Moment: Den Uefa-Cup-Platz haben wir jetzt noch länger als 24 Stunden. In Echt.

Noch wichtiger: V. geht am Samstag ins Stadion. Nach Mainz. Haupttribüne. Er wird Jürgen Klopp den Kopf tätscheln können und der wird ihn dafür mit einem Filzstift markieren, wie er es im Fernsehen immer tut.
V. ist völlig aufgedreht. Will sein Clubtrikot anziehen. Das alte. Will aber auch seit Monaten ein neues kaufen. Oder eines mit Lehmann drauf, falls der wirklich zum Club geht. Stand schon in zwei Zeitungen, sagt V.

V. geht also ins Stadion.
Mir fällt Freund K. ein – auch so ein Club-Fan. Ich traf K. kurz vor Weihnachten, auch er gefangen in einer Mischung aus Delirium, Euphorie und Panik, der Traum könnte morgen vorbei sein.

Ich zu K: Mensch, jetzt können wir doch mal zusammen ins Stadion, das wär doch schön, jetzt spielen sie so gut.
K.s Panik vergrößert sich ein bisschen.
Er könne keinesfalls ins Stadion, und falls der Club weiter so gut spiele, werde er nie wieder gehen.
K: Wenn ich im Stadion bin, dann verliert der Club, das darf ich nicht herausfordern!

V. sagt, der Club habe auch schon gewonnen, als er im Stadion war. Außerdem erinnere er sich gerne an das 3:0 gegen Schalke. T. war damals dabei, mit seinem Dortmund-Schal. Da war V. ein bisschen in Sorge, wegen den Schalke-Fans vor ihnen. Ist damals aber nichts passiert, T. war noch sehr jung.

Ich war auch mal beim Club, im Frankenstadion sogar, gegen die Bayern. Das war 1991, ich war zwölf und es war ein sogenannter Ministrantenausflug. Ich habe mich im Stadion mehr gelangweilt als vorher im Zoo. Und mich geärgert, dass ich nichts zu lesen dabei hatte.

Einmal bin ich aufgestanden, als ein Tor fiel. Hätte sonst doof ausgesehen.
Der Club hat damals 1:0 verloren.

Ich fahre nicht mit nach Mainz. Vielleicht bin ich ein bisschen wie K.

21. Spieltag: Nicht nur 24 Stunden

Den Fußball hatte ich fast vergessen. Es war irgendwie so ein Biathlon-Tag.
Ich döse auf dem Sofa, während die Damen-Staffel in Antholz Gold gewinnt und Michael Greis mit der bayerischen Fahne nach dem Massenstart ins Ziel lief.

Beim Essen sagt V. plötzlich: „Ich hab heute noch gar nichts gesagt, gell?“
Fragender Blick meinerseits.
V.: „Ich hab noch nichts über Fußball gesagt.“

Da fällt’s mir wieder ein. Klar, Fußball, da war doch was. Das heißt, gestern war nichts, der Club spielte mal wieder am Sonntag. Es war viertel vor sieben. V. wurde dann doch nervös. Rutschte nervös auf dem Stuhl herum.

V.: „Weißt du, Berlin hat gestern verloren, und wenn der Club heute gewinnt, dann sind wir echt auf einem Uefa-Club-Platz. Nicht nur für 24 Stunden!“

2:0 gegen Bochum. Da sitzen wir nun auf dem Uefa-Cup-Platz, mindestens bis nächste Woche.

20. Spieltag: Beginn einer neuen Zeitrechnung

Die Veröffentlichung dieses Posts verzögerte sich um vier Tage, weil ich am Freitagabend fast die Wohnung mit einem Bügeleisen in Brand setzte.

Natürlich interessiert das jetzt wieder keinen, wenn die Tussi nicht vernünftig bügeln kann. Aber es passierte beim Schrei zum 1:0, setzte unser Wohnzimmer nahezu in Flammen und stürzte den FC Bayern ins Nirvana. Aber ich soll nicht so viel über die Bayern schreiben, Auftrag von V.

V. verbrachte den Freitagabend in einer Art Schockstarre, nachdem er hektisch nach Wegen suchte, sich das Spiel wenigstens anzuhören. Wir haben immer noch kein Arena, aber das kann sich ändern, noch bevor V. sein 31. Lebensjahr vollendet.

Erfreut stellte V. fest, dass das Spiel im Internet übertragen wird, zuerst über Bundesliga-Live oder so (ganz lahme Kommentatoren, sagt V.), die zweite Halbzeit dann auf B5 (wenn schon nicht Günther Koch, dann wenigstens Hans-Peter Pull).

Schließlich saß V. vor dem Computer, erinnerte mit seinem Kopfhörer irgendwie an Willi bei Biene Maja und starb wie immer fast vor Angst.

Ich verbrachte die Zeit mit „Matula, Privatdetektiv“ und Bügeln. Bis ein Schrei das angeregte Gespräch von Matula und Anwalt Lessing unterbrach und mir vor Schreck fast das Bügeleisen aus der Hand fiel.

Der Rest des Abends kann als Beginn einer neuen Zeitrechnung gewertet werden. Wohnzimmer gerettet, Club gewinnt 3:0.

Den Rest des Wochenendes allerdings konnte V. kaum an sich halten und musste in der U-Bahn „So sehn Verlierer aus“ singen, auch wenn sich gerade keine Bayern-Fans im Wagen befanden.

Meinen Wunsch, sich doch etwas mehr nach innen zu freuen, hat er ignoriert.