Archiv für den Monat: Oktober 2006

8. Spieltag: Unentschieden und irgendwie zufrieden

Hat sich da eine undefinierbare Gereiztheit in seine Stimme geschlichen? Kommt da plötzlich ein bisschen Schärfe rein?
„Heute gibt es nix zu bloggen“, mault V. „War ja eh wieder nur unentschieden.“
Es war auch wieder so ein blödes Sonntagsspiel. Anfangs war V. noch ganz motiviert. Schaltete im Videotext den Liveticker ein, ließ mich dann aber doch pseudofeministische Reportagen im Zweiten gucken und wechselte zum Internet.
Um mir fünf Minuten später beim Pseudofeminismus Gesellschaft zu leisten. Bemerkenswert. Das macht der Club mit meinem Freund, wenn er schlecht spielt. Ich fordere mindestens ein 1:0 nächste Woche.
Wenn der Club solala spielt wie gestern und letzte Woche und die Woche davor, verliert V. nicht viele Worte darüber. Nur ab und zu entfährt ihm in einem Gespräch, über das unangemessen hohe Gehalt von Gymnasiallehrern zum Beispiel, ein leicht verzweifeltes „Wieder nur unentschieden, so ein Scheiß.“ Aber er ruft es nicht, es ist auch keine Schärfe in seiner Stimme, fast keine Emotion sogar. Er muffelt es nur irgendwie in seinen Fünftagebart und kommt dann wieder zum Thema.
Heute Nachmittag hat er sich selbst ein bisschen Mut zugesprochen und mir geschrieben, dass er trotz des 2:2 ganz zufrieden sei. Er habe gerade herausgefunden, dass Nürnberg die beste Abwehr der Liga hätte („Nur 6 Gegentore!!!“) und er deshalb den fünften Platz richtig gut fände. Das hat er gestern Abend schon wie ein Mantra vor sich hin gemurmelt: „Uefa-Cup-Platz.“ Ich habe zwar immer noch nicht verstanden, wo da der genaue Unterschied zur Champions-League ist, aber so lange wir diesen Platz noch nicht sicher haben, muss ich das ja auch nicht wissen.

7. Spieltag: Unmögliches Unentschieden

Ich: Sag mal, auf welchem Platz ist denn der Club jetzt?
V. (Stimme leicht gequält, schleppend): Auf dem sechsten… Glaube ich… Schau doch noch mal nach…
Das dritte Unentschieden in Folge, Clubberer, so geht das nicht! Hat übrigens heute morgen im Radio auch der Trainer, Hans Meyer, bemerkt. Und vorgerechnet, dass der Club absteigen wird, sollte er bis zum Ende der Saison so weiter machen. Immer 1:1. Immer gut gespielt. Aber halt immer ohne den einen Punkt jeden Samstag, der zum Glück eben fehlt. Ich habe es ja schon vor drei Wochen angekündigt, da hat mir keiner geglaubt: Der Club verfällt wieder in die alten Muster.
Gestern bin ich übrigens noch mal um einen Stadionbesuch herum gekommen, denn wir fuhren gefährlich nahe an Nürnberg vorbei. „FCN – Bielefeld“ war schon ausgeschildert. Ich will ganz ehrlich sein, ich hatte keinen Bock. Bei Stadionbesuchen geht mir jegliche Spontanität flöten. Ich will das planen, ich will mich innerlich darauf einstellen können und ich will einen richtigen Gegner. Bielefeld!, dachte ich noch gestern Mittag ein bisschen arrogant. Wenn ich schon ins Stadion gehe, dann gegen die Bayern oder so.
Vor was es mir im Stadion graut, sind allerdings die anderen Fans. Das geht mir auf Konzerten schon so: Oft sind mir die anderen Menschen, die auch dort sind, so unsympathisch, dass ich mich fast schon schäme, Fan von XY zu sein. Man träfe ja gern Seinesgleichen, und im vorliegenden Fall sind das sicherlich keine Menschen mit rot-weißen Schals, Jeanswesten und starkem mittelfränkischen Akzent. So wie ich bei Robbie Williams keine aufgeregten, halbnacken 15-Jährigen sehen will, sondern bitte nur coole Frauen Ende 20 mit Hochschulabschluss, die wissen, wie man „Escapology“ ausspricht.
Ich weiß, meine Ansprüche sind einfach zu hoch. Vor allem im Fußballbereich.

Exkurs4: Unser Torwart spielt mit und ärgert sich

Was soll ich sagen? Ich hab es nicht gesehen und als ich nach Hause kam lag V. im Nationaltrikot schlafend auf dem Sofa, während sein Idol Günter Netzer erklärte, warum wir 4:1 gegen die Slowakei gewonnen haben. Nur Gott hat sich geärgert, wegen des „zu 1“. Hab ich hinterher von Moni Lierhaus gehört.
Was erkennen wir? V. hat einen leichten Hang zum Negativismus, der sich in seiner Überzeugung, die Vittek und Mintal würden die deutsche Nationalmannschaft zu zweit überrennen, äußerte. Dieser Hang wird sich in Zukunft noch öfter melden, davon bin ich wiederum überzeugt.
Vielleicht hätten wir einfach in Nürnberg mal einen Saturn aufsuchen sollen. Hätten wir dann Marek Mintal bei den Spielekonsolen gesehen, wäre das ein echtes Zeichen gewesen.

Exkurs3: Unser Torwart versucht, mitzuspielen

Die Wahrnehmung eines Fußballspiels ist Sache des Geschlechts, das hat das Freundschaftsspiel Deutschland – Georgien gestern eindeutig bewiesen. Wir sind zu viert, zwei Frauen (K. – mit V. verwandt – und ich) sowie V. und M. (der an dieser Stelle virtuos gegoogelte Kommentare zum besten gibt, auf die sich V. immer freut, weil er da was lernt, wie er sagt).
V. ist wie immer, trägt sein Deutschland-Trikot und maßregelt Thomas Hitzlsperger: „Jetzt versucht der auch noch brasilianisch zu spielen! Von hinten! So ein Scheiß!“

K. bemerkt zu recht, dass es ein Fußballspieler echt schwer hat, wenn V. nur mal beschlossen hat, ihn nicht zu mögen.

Wie Timo Hildebrandt. Den findet K. süß. V. findet ihn untalentiert. Ein Torwart, der eben nur versucht, mitzuspielen.

M., das geballte Fußballwissen, schweigt. Dabei hat er V. eine fünfjährige Karriere beim badischen FV Allemania Bruchhausen voraus.
M. schweigt auch zu Bastian Schweinsteiger, der immerhin ein phänomenales Tor macht. K. schwärmt für Schweini, denn „der ist nett“, Lehmann aber „ist Gott“. In der Halbzeitpause googeln wir Jens Lehmann und seufzen ein bisschen vor uns hin. V. und M. natürlich nicht. Die verfolgen das Spiel. K. bereichert es durch Kommentare, die nur ein Fußball-Laie abgeben kann und ich bin froh, dass ich heute damit nicht alleine bin.

Ballack humpelt.
K: Oh, warum humpelt der?
V: Ach, weil der Ballack immer humpelt!

Ballack spuckt.
K: Muss der immer spucken!
V: Fußballer spucken halt.

Ballack macht dann auch ein Tor, Poldi kriegt Rot, auch noch zu Recht und Hitzlsperger wird ausgewechselt. V. macht das Victory-Zeichen und Deutschland gewinnt 2:0.

Nur dumm, dass uns Vittek und Mintal am Mittwoch vom Platz putzen.

6. Spieltag: Schafft den Sonntag ab

Der Sonntag nervt. Nicht nur, weil wir uns da schon in der Grundschule gelangweilt haben, es meistens regnet und die Geschäfte zu haben. Der Sonntag nervt besonders deshalb, weil auch Bundesligaspiele sonntags stattfinden. Und der Club dann am Sonntag die Tabellenführung vom Samstag an Hertha BSC abgeben muss. Bäh. Immerhin sieht Falko Götz, der Trainer von Hertha, ganz gut aus. Besser als Hans Meyer. Der dafür der lustigste Coach im ganzen Fußball-Universum ist. Das Aussehen interessiert V. jetzt nicht so. Mich schon.
Kurze Zusammenfassung des wenig ereignisreichen 6. Spieltages: V. hängt mit einem Ohr am Autoradio, der Club spielt schon wieder 1:1 und wird dafür gelobt, als hätten sie alle zusammen die Erde vor einem Meteoriten gerettet. Starring: Hans Meyer als „Bruce Willis“ in „Armageddon in Mainz“.
Häme prallt an V. ab. Zum Beispiel die von B., einem jungen Bayern-Fan, die die Tabellenführung des Club am Samstagabend so kommentiert: „Er werden sie gemästet, dann geschlachtet.“
Immer diese Bayern-Fans. In jedem ein kleiner Uli Hoeneß.