Archiv für den Monat: September 2006

Fast geheult

„Jetzt schmeiß ich’s gleich weg“, sagt V. und seine Stimme klingt beleidigt. „Wenn du es nicht lesen willst, schmeiß ich’s weg.“
Vor zwei Tagen hat er mir auf dem Küchentisch den Sportteil der Süddeutschen Zeitung hinterlassen. Mit einem großen – V. sagt „wunderschönen“ – Artikel über den Club. Dazu hat er auf einen Zettel geschrieben, er hätte bei der Lektüre fast geheult.
Wir erinnern uns, erst am 2. Spieltag hatte sich V. zum wiederholten Mal über die desaströse Club-Berichterstattung der SZ beschwert, die sich in seinen Augen seit Jahren bemüht, den Club mit 50-Zeilen-Einspaltern zu ignorieren. Wir erinnern uns an den 1. Spieltag: Da hat der Club gegen Stuttgart gewonnen – und welchem Verein widmete die SZ eine halbe Seite? Stuttgart natürlich.
Ich kann also verstehen, dass V. völlig aus dem Häuschen ist. Wer sich immer plagt und schindet, der will auch mal gelobt werden. Wie Bruce Willis in „Stirb langsam“. Quält und schindet sich zwei Stunden lang, kriegt das Unterhemd dreckig gemacht und immer eins auf die Nase, immer feste druff, und wenn er dann am Ende die Welt gerettet hat, klopft ihm nicht mal einer auf die Schulter.
Ich weiß, der Vergleich hinkt so, der stolpert schon. Aber das ist Fußball, da kann auch mal was hinken. Sonst hätten Fußball-Kommentatoren schon lange nichts mehr zu sagen.
Es war also ein sehr schöner Artikel in der SZ, heute habe ich ihn endlich gelesen, bevor er aus Trotz im Papierkorb landete.
Wobei ich, Kennerin die ich bin, ja fand, dass der Club plötzlich für etwas gelobt wird, das vor einem halben Jahr noch schlecht war: 90 Minuten lang super spielen und dann doch noch ein Tor kassieren. Plötzlich ist das gar nicht schlimm.
Weil es jetzt ganz anders ist, sagt V.
Habe ich nicht verstanden.

5. Spieltag: Größenwahnsinn

Wir können wieder alles klar machen: Es ist Sonntag, der Club spielt gegen Cottbus, ein Kinderspiel sollte das sein. Den Aufsteiger wegputzen, die Tabellenspitze zurück holen, wir sind wieder wer! Kurze Zeit später nennt V. diese Einstellung Größenwahnsinn. Wir sitzen im Auto, der Club spielt, der Club führt 1:0.
Die letzten Minuten: V. zeigt eine Nervosität, die ich fast vergessen hatte, aus anderen Spielzeiten aber auwendig kenne. Verzweifelung gräbt Falten in sein Gesicht, er ballt die Faust, wird blass. Das Spiel endet 1:1. Die Realität hat uns fast wieder. Ein Blick auf die Tabelle im Videotext rettet V.: Die anderen Vereine haben auch fast alle unentschieden gespielt. Und wir sind vierter.
Dafür gute Nachrichten von T. Dieser spielt ja noch selbst, allerdings in letzter Zeit ohne Tore zu schießen. Blöde Sache, wäre ja seine Aufgabe als Stürmer. Es ist also Sonntag, zwei Stunden, bevor der Club angreift, und wir sehen wie T. sich in der Kreisklasse schindet. Wie er rennt, am Tor vorbei schießt, gefoult wird und dabei zu laut schreit. Verzweiflung gräbt Falten in sein Gesicht. Jemand ruft, der Schiri sei ein Heini.
Wir gehen in der Halbzeitpause. Kaum sind wir weg und das Spiel wieder angepfiffen, schießt T. ein Tor, das erste nach langer Zeit, in der er sich fühlte wie Roy Makaay. Sagte er.
Spiele scheinen besser zu laufen, wenn V. nicht dabei ist. Wenn er beim Club im Stadion ist, endet das auch selten gut. Aber wir wollen jetzt nicht abergläubisch werden.

4. Spieltag: Gelassenheit

Am 4. Spieltag war V. so gelassen, dass es sich fast nicht lohnt, es hier zu erwähnen. Fast hätte man meinen können, der Club spielte schon Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, an der Tabellenspitzeder 1. Bundesliga.
Der Club rutschte auf Platz 2 der Tabelle und V. reagierte mit der Gelassenheit eines Fußball-Fans, der schon nicht mehr zählen kann, wie oft er Meister geworden ist.
Nun, lange hat diese Gelassenheit nicht gehalten.

Rein mit der Hutzel

Das dritte Wochenende ohne Bundesliga, dafür mit Papst und DFB-Pokal. Während sich viele fragen, warum der Papst nur Bayern besucht, will ich wissen: Wofür der DFB-Pokal? V. zweifelt an Thomas Hitzelsbergers Daseinsberechtigung im deutschen Fußball, ich möchte fragen: Worin besteht die Daseinsberechtigung des DFB-Pokals? Oh schön, es gibt noch was zu gewinnen!!! Oh schön, endlich können sich Kreisligisten wie vielleicht T. bei der SG Gabolshausen/Untereßfeld auch mal den Traum erfüllen, gegen Bayern München zu spielen? Aber was ist das für ein Traum, der wahrscheinlich mit einem 25:1 endet?
Theoretisch kann beim DFB-Pokal jeder gegen jeden ausgelost werden, praktisch kommen die Bayern immer ins Finale, so wie sie auch immer Deutscher Meister werden. (Was sich, wie wir wissen, in dieser Saison durch den aktuellen Tabellenführer dramatisch ändern kann)
Wofür also DFB-Pokal? Für Wochenenden wie diese, ohne Länderspiel, ohne Bundesliga, als Alternative zum Papstbesuch?
V. hat dieses Wochenende sehr pragmatisch gestimmt. Die Bundesliga-Euphorie verraucht, die Realität ist eingezogen. Der Club hat sich gegen den von V. als „westfälisch“ bezeichneten Verein aus dem niedersächsischen Cloppenburg ein bisschen schwer getan, aber, so hat V. mir während der Sportschau erklärt, das Ergebnis zählt: „Hauptsache, die Hutzel ist drin.“
Das hat er früher auch gesagt, als wir noch keine WM im eigenen Land hatten und die deutsche Nationalmannschaft mal wieder „keinen schönen Fußball“ gespielt hat.
Immerhin ist der DFB-Pokal für böse Überraschungen gut: Hamburg und Bremen sind draußen. Da kann auch der Papst nicht mehr helfen, aber der ist ja in Bayern. Und nur da.