Nicht ohne seine Stutzen

Meine Oma, die bald 87 Jahre alt wird, muss jeden Tag Stützstrümpfe tragen. Das sind diese sehr dicht gewebten, sehr engen Strümpfe, die man sich nicht alleine anziehen kann. Einmal habe ich meiner Oma dabei geholfen. Das war sehr anstrengend für uns beide, weil ich erst nicht wusste wo bei so einem Strumpf vorne, hinten, oben oder unten ist, und dann habe ich mich ganz schön abgemüht, das Ding an ihren Fuß zu kriegen. Meine Oma ist weder groß noch dick, sondern keine 1,50 groß und schmächtig. Aber meine Herren, diese Strümpfe…! Das mach ich nie wieder, hab ich mir geschworen.

Jetzt mach ich es jeden Tag.

Nicht bei meiner Oma, nein. Sondern bei meinem Sohn. Da sind es auch keine STÜTZstrümpfe. Es sind STUTZEN. Sehr dicht gewebte, sehr enge STUTZEN, die die kleinen, dreijährigen Beine so sehr STÜTZEN, das man Angst um ihre Blutzufuhr haben muss.

Im FCN-Fanshop heißen die Stutzen übrigens lapidar „Socken“ und  das halte ich für die Untertreibung des Jahrhunderts. Wegen ganz normaler „Socken“ wäre ich nicht jeden Morgen um halb acht schon schweiß gebadet.

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Aber von vorne. Ich habe diesen Dreijährigen zu Hause, bei dem – was für eine Glück! – die Club-Konditionierung perfekt funktioniert. Wir haben es hier mit einem Hardcore-Fan zu tun, der sich mit Bayern-Fans anlegt, an kalten Tagen einen Club-Schal mit in den Kindergarten nimmt und jeden Tag – JEDEN Tag – sein „Minikids Set“ von Umbro trägt. Dieses Set besteht aus Heimtrikot, Hose mit FCN-Emblem (O-Ton: „Das muss IMMER vorne sein, Mama!“ Ach was!) und eben „Socken“. Socken mit stark stützender Funktion, wie bereits erwähnt.

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Ich danke den Menschen bei Umbro wirklich sehr.

Dafür, dass sie den Club wieder ausstatten (wie schon im Meisterjahr), dass sie wirklich schöne Trikots machen und dass sie diese Trikots auch in der sehr kleinen Größe 92/98 anbieten. Der Dreijährige besitzt sein Minikids Set seit Anfang August und seitdem sind nur sehr wenige Tage vergangen, an denen er es nicht getragen hat. (Natürlich auch nachts. Was soll denn die Frage.) Er hat sich sogar in der U-Bahn blöd anreden lassen (sagt so ein Typ, das Kind da habe ja wohl das falsche Trikot an, manche Leute sind echt unverschämt).

Selbstverständlich gab es Tage, an denen das Minikids Set in der Wäsche war. Großes Geschrei. Krokodilstränen. Und zum Glück eine große Schwester, die generös ihr Minikids Set (Größe 122) leihweise freigab. Gut, die Hose war definitiv zu groß, aber das wollte er uns nicht glauben.

Ich bin da echt cool. Ich kann damit leben, wenn meine Kinder nicht geschleckt wie englische Privatschüler aus dem Haus gehen. Die dürfen anziehen, was sie wollen. Ich muss ja nicht den ganzen Tag so rumlaufen. Muss halt zum Wetter passen.

Ich war eh über mich hinaus gewachsen. Vor einem Jahr  hatte ich noch gelästert über Mütter, die ihre Söhne den ganzen Tag im Fußballdress rumlaufen lassen. Zack, war ich selber so eine.

Ich weiß jetzt auch, warum diese Mütter ihre Söhne den ganzen Tag so rumlaufen lassen. Weil sie sonst bis zum Abend mit dem tobenden Kind vorm Kleiderschrank sitzen würden. Weil sie es leid sind, Jeans oder Cordhosen oder Bagger-Pullis anzupreisen wie Lothar Matthäus als fähigen Bundesligatrainer.
Weil sie einfach nur das Haus verlassen möchten mit einem angekleideten Kind.

Und das Kind brüllt: „ICH WILL  MEIN CLUB-TRIKOT!!!!“
Ok, da hast du es, zieh es halt an. Aber mit Pulli drunter!
„ABER MIT FUSSBALL-PULLI!“
Der ist in der Wäsche.

(Er setzt wieder an, seine Halsschlagader pocht schon wie die von Uli Hoeness.)

Ist ja schon gut, ich hol ihn.
„UND DIE HOSE!!!“
Nee, also komm, nicht die Hose, es hat drei Grad, du wirst schlimm krank.
„ICH BRAUCH DIE HOSE!!!!“
Jetzt schrei doch nicht so, unter uns wohnen Leute.
„DIE  CLUB-HOOOOOOOSEEEEEE!!!!“
Jajajajajajaja, die Hose, hier ist sie, aber da ziehst du eine Strumpfhose drunter.
„UND DIE STUTZEN?!“
Komm, die lassen wir heute mal weg.
(Ich versuche ganz beiläufig zu klingen. Als würde ich sagen: Komm, heute lassen wir das Zähneputzen mal weg, hihi)
„NEEEEIIIINNNNNN!!! NICHT OHNE MEINE STUTZEN!“
Och Mensch, dann müssen wir die wieder über die Strumpfhose ziehen!
„JA!!! ÜBER DIE STRUMPFHOSE!“
Und dann knie ich da, denke an meine Oma und versuche, meinem Sohn diese Dinger ans Bein zu kriegen. Der natürlich ganz genaue Vorstellungen hat, wie das zu geschehen hat. Da darf keine Falte zu sehen sein und nix umgeschlagen werden. Zum Schluss muss der Stutzen so hoch wie möglich gezogen werden, so weit wie möglich übers Knie, also eher so bis unters Kinn. Und dann nochmal glatt streichen! Aber richtig!

Sonst: Halsschlagader. Hoeness. Hölle.

„GANZ ÜBERS KNIE, MAMA, GANZ HOCH!“
Muss das sein? Jetzt rennst du rum wie der Schweinsteiger!
„NEIN, MAMA. WIE EIN FUSSBALLER.“

Bitte, lieber 1. FC Nürnberg, liebe Leute bei Umbro: Nächste Saison einfach lockerer stricken, ja?

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Fußball-Highlights 2014 (2)

Mein Highlight: Schwedischer Campingplatz mit Herz für Fußballfans
Mein Highlight: Schwedischer Campingplatz mit Herz für Fußballfans

Ein Montag im Juni, 15 Uhr, wir fahren seit fünf Stunden durchs südliche Schweden, das Fräulein hat gerade ein komplettes Burger-King-Kindermenü ins Auto erbrochen und wir finden unseren Campingplatz nicht. Auf dem Fahrersitz flucht der V., weil in der Wegbeschreibung von einer Fähre die Rede war, die ebenso wenig ausgeschildert ist wie der Campingplatz selbst. Ich hocke eingequetscht zwischen zwei Kindersitzen auf der Rücksitzbank, reiche dem Stürmerstar einen weiteren Keks und dem Fräulein ein weiteres Küchentuch.

Der V. flucht, ich schimpfe, so ist das ja immer, wenn wir irgendwohin wollen und es nicht finden, es ist immer wie in Barcelona, auch in Unterhaching oder in Schweden.

Wir stehen unter Zeitdruck, um 18 Uhr soll das erste WM-Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft stattfinden, bis dahin müssen wir den Campingplatz finden, unser riesiges Zelt aufbauen, was essen und einen Fernseher finden, auf dem wir das Spiel gucken können. Wir sind sehr angespannt.

Eine halbe Stunde später stehen wir endlich auf diesem winzigen, idyllischen Campingplatz direkt am See, alte Freunde begrüßen uns, die Dame an der Rezeption stammt aus Ecuador, spricht aber fließend Deutsch und Schwedisch, und an der Klotür hängt dieses Schild. „Sie können die Fußballspiele in der Rezeption gucken.“ Himmel auf Erden, du liegst am Bolmen. Das ist der größte See in Smaland. (Die Fähre dorthin mussten wir übrigens gar nicht nehmen, weil wir von der anderen Seite über die Brücke kamen. Muss man auch erstmal merken.)

In diesem ganzen Urlaub hat der V. das Zelt noch nie so schnell aufgebaut. Um 18 Uhr saß er im Nationaltrikot von 2006 an der Rezeption. Und dann wussten wir auch, warum die das Spiel zeigten. Weil da nämlich nur Deutsche waren. Ausschließlich. Und fast nur Rentner (aber nette). Später kamen auch ein paar Schweden, aber wirklich nur ein paar. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten hat sich der V. sogar mit den Rentnern angefreundet, die großen Respekt vor uns hatten, weil wir mit dem Zelt unterwegs waren und  nicht so Warmduscher-mäßig mit dem Wohnwagen.

Leider fanden es die schwedischen Eigentümer des Campingplatzes nicht so wichtig, auch das zweite Spiel gegen Ghana zu zeigen. Zwei Tage vorher hab ich den V. noch belabert, sich bei einem sächsischen Rentner mit Sat-Schüssel auf dem Wohnmobil einzuschleimen, aber der war am Tag vor dem Spiel plötzlich wieder weg.

Das Ghana-Spiel haben wir dann auf dem Handy und mit schlechtem W-Lan am Laptop vor der Rezeption verfolgt (nur da funktionierte das W-Lan), aber es war kalt in Schweden und Stimmung kam auch nicht so richtig auf.

Deswegen, und weil wir den Großteil der Vorrunde im Urlaub waren, hat der V. auch keine gute Erinnerung an die WM, Weltmeister hin oder her. Vielleicht ist er auch einfach zu alt, um so einen Weltmeister-Titel richtig genießen zu können. In einem muss ich ihm Recht geben: Es ist schon doof, wenn man den Beginn einer WM nicht daheim, sondern in einem Land verfolgen muss, das sich nicht qualifiziert hat und dessen Bewohner dann eher nicht interessiert sind. Man  kommt irgendwie nicht rein. In Stockholm habe ich am Handy via Kicktipp die komplette Vorrunde getippt und bei zwei Drittel der Paarungen gar nicht gewusst, wer da spielt, weil mir die Abkürzungen nichts sagten. Und dann hab ich mir auch noch den Fuß verstaucht!

Wieder im Lande bin ich etwas besser ins Spiel gekommen als der V.

Da ist zum Einen mein Tweet auf sueddeutsche.de gelandet und hielt auch noch für die Überschrift her:

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Das war mein einziger Tweet an dem Tag. Und hat mich schon sehr gefreut.

Außerdem habe ich zwei Texte für das sehr gute Magazin BizzMiss geschrieben, die finden sich immer noch hier:

Hauptsache Trikottausch

In fünf Schritten zur Fußballgöttin

Doch, war schon schön, die WM. Und wurde ja noch besser mit dem 7:1 gegen Brasilien. Obwohl, ich warte immer noch darauf, dass Guido Cantz hinter meinem Fernseher auftaucht und schreit „Verstehen Sie Spaß?! Hahaha!“

Dieser grandiose Halbfinal-Sieg kam übrigens nur zustande, weil ich das Original-Trikot von 1990 trug, hier der Bildbeweis:

WM_Trikot 1990

Das Trikot ist 24 Jahre alt, etwas ausgewaschen und gehört natürlich dem V. Aber zum einen passt es mir mittlerweile besser und zum anderen ging es dem V. an diesem Abend sehr schlecht. Zweimal im Jahr hat er Migräne. Eines dieser Male im Jahr 2014 war an diesem Abend. Während mein Fußballsachverständiger also kein einziges Tor mitbekam, überlegte ich noch, die Kinder zu wecken, damit sie dieses historische Ereignis mitkriegen. Habe ich dann aber doch nicht gemacht.

Dafür den Stürmerstar kurz nach Mario Götzes Tor am 13. Juli aus dem Bett geholt. Weil er sowieso gebrüllt hat. Und ich fand, dann könnte er sich ausnahmsweise mal auf dem Sofa beruhigen. Im Überschwang habe ich dieses „Vier Gewinnt“-Zeichen gemacht und erst viel später festgestellt: Der Stürmerstar auch. (Der wird die Nationalmannschaft so rocken!)

WM_2

 

Und schon war Deutschland Weltmeister, die WM vorbei und der Club in der Zweiten Liga. Oder, wie der V. so schön sagt: „Endlich wieder Fußball-Alltag.“ (Mit dieser Weltmeisterschaft hat er’s wirklich nicht.)

Ach, der Club. War eher Brasilien dieses Jahr. Der V. und ich hatten sehr viel Hoffnung in Gert-Jan Verbeek gesetzt. Wir haben ja ein Herz für so kauzige Typen und hätten gerne bis in alle Ewigkeit Hans Meyer behalten. Und diese ersten Wochen mit Verbeek waren schon ein bisschen wie zu Meyers Zeiten. Und er hatte coole Haare. Es sollte wohl nicht sein. Roger Prinzen war dann wohl der Beweis, dass man mit sehr wenig Haaren die Klasse auch nicht mehr retten kann.

Und dann kam Valerien Ismael. Der schönste Trainer überhaupt. Die Haare! Der Akzent! Auf meiner heimlichen Trainer-Bestenliste rutschte Michael Oenning klammheimlich auf Platz 2. Der V. war beseelt, beflügelt, jetzt wird alles gut. Ab jetzt nur noch Siege und Direktaufstieg, am besten noch in der Winterpause. Tja. War auch wieder nix. War so erfolglos, dass ich den V. gerade fragen musste, wer eigentlich vor René Weiler Trainer war. Schlimm.

René Weiler sieht auch sehr gut aus, und stellt alle anderen ganz einfach in den Schatten: Mit ihm hat der Club mal wieder gewonnen. Zwar nicht gegen Fürth, aber immerhin. Und auch mal wieder im eigenen Stadion. Ein Grund mehr für mich, 2015 auch wieder nicht hinzugehen, es sei denn, bei dem Spiel geht es um nichts. Keine Ahnung, wer mich mal verflucht hat, aber wenn ich im Stadion bin, ist das nicht gut für den Club.

Der V. ist sehr realistisch geworden. Glaubt eher an den Aufstieg 2016.

Obwohl – vielleicht klappt’s mit der Relegation gegen Dortmund.

Dass ich das mal schreibe. In diesem Sinne: Ein frohes, neues, erfolgreiches Club-Jahr!

Weitere Jahresrückblicke, fußballerisch versierter als hier:

Die 3 Clubfreunde auf NZ-Online

V.s Lieblingsseite: Nordbayern.de

Der Jahresrückblick von @Ilja_FCN

Fußball-Highlights 2014 (1)

„V., was waren deine drei Fußball-Highlights 2014?“ Das ist doch eine einfache Frage.

Verständnisloser Blick. „Wie, Highlights?“ Er denkt nach. „Ne Hinrunde ohne Sieg, das war ein Highlight, haha!“

„Der Club hat doch in der  Hinrunde gewonnen!“

„Nicht in der Abstiegssaison!“

„Aber das war 2013!“

„Ach so. Egal!“

„Also nochmal: Was waren deine fußballerischen Highlights vom 1. Januar 2014 bis heute, Club, Nationalmannschaft und so weiter?“

„Der Club ist abgestiegen. Dann gibt es keine Highlights.“

„Jetzt stell dich nicht so an! Es war WM. Was waren deine Highlights.“

„Hm. Josip Drmic war ein Highlight. Aber den mussten sie ja nach Leverkusen verkaufen!“

„Geht doch. Weiter.“

„Hmpf. Gert-Jan Verbeek war natürlich auch ein Highlight.“

„Wär’s dir lieber, der wär noch Trainier?“

Langes Nachdenken.

„Hm… Das will ich so nicht sagen, nach allem was passiert ist. Aber mich nervt schon   wieder, dass er bei Bochum sagt „Die Gegner müssen Angst vor uns haben“ – vor Bochum! Aber wenn er das beim Club gesagt hätte, hätte ich das natürlich cool gefunden.“

„Das hat er doch beim Club gesagt.“

„Echt?!“

Hoffen wir, dass dem V. 2015 besser in Erinnerung bleibt.

Braunschweig oder: Das Virus

Wir gingen angeschlagen in dieses Spiel, der V. und ich, die Nacht zuvor hatten wir mehr kotzend als schlafend verbracht, keine Ahnung, in welcher Kindertagesstätte wir uns dieses Virus eingefangen hatten.

Also schon mal kein guter Montag – dabei mag ich Montagsspiele eigentlich, das ist der Vorteil der 2. Liga, da ist das Wochenende wenigstens nicht versaut. Andererseits kann man sich mit einem Montagsspiel auch so richtig die Laune der ganzen Woche versauen, aber, wie ich feststellen musste, der V. ist da mittlerweile abgehärtet, will sagen: apathisch.

Der vierte Trainer in diesem Jahr hat sicherlich die Haare schön und vielleicht sogar einen angenehmen Akzent. Eine Lösung für das Zweite-Liga-Problem, ein Rezept für den Turbo-Aufstieg hat er jedenfalls nicht aus der Schweiz mitgebracht. Anscheinend mehr die  Hoffnung, genau das in Nürnberg zu finden. Nur – da suchen sie ja schon länger danach.

Neben mir auf dem Sofa lag der V., sicherlich geschwächt vom Virus, das uns die Kinder ins Haus geschleppt haben. Aber auch geschwächt von dem, was ihm der Club seit Monaten abverlangt. Früher hat er sich auch bei schlechten Spielen ins Zeug gelegt. Hat rumgeschrien, den Schiedsrichter beschimpft, ist vom Sofa gesprungen und wieder zurück, hat sich das Resthaar gerauft und die Hände vors Gesicht geschlagen. Nur um Sekunden später dem Elend wieder ins Auge zu sehen.

Und jetzt? Liegt er da mit Cola und Salzstangen und sagt: nichts.

Auf meine Frage heute morgen, wie’s ihm nach dem Spiel gestern so gehe, kommt nur ein „Ach.“

Gefolgt von:

„Dann hab ich noch The Walking Dead geguckt, aber das war diesmal auch total bescheuert!“

„The Walking Dead“ ist eine Serie, bei der durch ein Virus fast alle Menschen zu Zombies werden. Die Überlebenden versuchen alles Mögliche, um es zu stoppen, haben aber auch in der fünften Staffel noch keine wirkliche Lösung gefunden.

Ich hoffe nur, das Drama um das Zweite-Liga-Virus in Nürnberg braucht nicht auch so viele Staffeln.

Woanders:

Der Blogger-Kollege Johannes Mirus hat das Spiel gestern kurz kommentiert.

„Fehlerbehaftet, uninspiriert, ideenlos“: Die Einschätzung der Clubfans United.

 

"Das einzig wahre Frauenfußballmagazin" - laut Selbstbeschreibung

Style Pass: Die Blattkritik

Es gibt ein neues Magazin im Blätterwald: Style Pass, ein Fußballmagazin für Frauen, nein, „das einzig wahre Frauenfußballmagazin“. Ich habe mir das Heft gekauft und genau angeschaut, schließlich gehöre ich zur Zielgruppe und verstehe auch was davon, wie  man Magazine macht.

Gleich die Titelgeschichte polarisiert mit der These: Frauenfußball und Männerfußball darf man nicht vergleichen, weil es unterschiedliche Sportarten sind. Ich staune, so hatte ich das noch gar nicht gesehen. Noch mehr staune ich, als in eben dieser Titelgeschichte mein Name und ein Zitat von mir auftauchen. In dem zitierten Interview (das ich im Mai 2014 dem Journalistinnenbund gegeben habe) habe ich davon gesprochen, dass Frauen Fan-Sein anders interpretieren als Männer. Style Pass nutzt es, um die damit recht wacklige These vom Nicht-Vergleichen dürfen zu stützen. Weil Frauen eben anders sind als Männer. Und ich dachte, das Mars-Venus-Ding wäre durch.

Da bin ich - in der Titelgeschichte
Da bin ich – in der Titelgeschichte

Also schaue ich mir die Titelgeschichte gleich genauer an.  Die Autorin schreibt darüber, dass Vergleiche zwischen Frauen- und Männerfußball völlig fehl am Platz seien. „Frauenfußball ist eine eigenständige Sportart“, sagt da ein Experte, immerhin ein Ex-Trainer. Der muss es ja wissen und die zwei Frauen, die in die gleiche Kerbe hauen, sowieso.

Kein Vergleich? Ich bin überhaupt nicht dieser Meinung.

Fußball ist Fußball – ob das nun Kinder spielen, Männer, Frauen oder Außerirdische. Die Regeln sind immer dieselben, die Größe des Platzes, die Anzahl der Bälle, überall gibt es zwei Tore und einen Schiedsrichter und es befinden sich meistens 22 Menschen auf dem Rasen. Und während einer WM machen mir Wadenprobleme immer Sorgen, ob die nun Nadine Angerer hat oder Manuel Neuer.

Wer unbedingt eine „eigene Sportart“ einführen muss, macht den Frauenfußball klein, lässt ihn klein bleiben – und Fußballerinnen werden trotz Profivertrag weiter als die netten, harmlosen Amateurkickerinnen wahrgenommen. Und die Männer als die echten Profis mit der dicken Kohle.

Ich möchte die Reaktion der deutschen Biathletinnen erleben, wenn ihnen einer erzählt, sie bräuchten eine eigene Sportart. Weil ihr Gewehr leichter ist oder die Ski kürzer. Dafür wäre dann weniger Geld auch gerechtfertigt. Überhaupt das Geld! Es sei ja schon ein Fortschritt, dass mittlerweile einige Frauen vom Fußball leben könnten, zitiert Style Pass Regina Senkler, die mal Frauenfußballreferentin beim Hessischen Fußballverband war. Sie sagt, „die Millionengehälter bei den Männern seien auch kritisch zu betrachten“. Und. „Das hat mittlerweile Züge angenommen, die völlig übertrieben sind.“

Ich interpretiere: Eine Frau sagt, es sei schon ok, dass Frauen weniger verdienen, weil Männer sowieso zu viel bekommen? Welche Frau will schon so pervers viel Geld verdienen! Nein, schütten wir lieber noch eine Tonne Zement in den Gender Pay Gap.

Solche Aussagen kann man nicht so stehen lassen, vor allem nicht, wenn man unabhängigen Journalismus machen will – wie es Style-Pass-Chefredakteurin Eva Britsch im Editorial ankündigt. Unter unabhängigem Journalismus verstehe ich,  dass auch die Gegenseite zu Wort kommt und nicht nur Stimmen, die die eigene These unterstützen. Wo ist denn bitte die Stimme einer Spielerin oder Funktionärin, die mehr Geld fordert, bessere Werbeverträge und mehr Medien-Präsenz? Style Pass reicht ein neutrales DFB-Zitat, der Frauenfußball fühle sich in der Gesellschaft sehr gut aufgehoben. Wer genau das gesagt haben will, erfahre ich nicht.

Im vorletzten Absatz wird noch schnell ein neuer Aspekt abgehandelt, das Fan-Sein nämlich, und da kommt mein Zitat ins Spiel: „Den meisten Frauen ist dieser Fanatismus völlig fremd, in den Männer sich reinsteigern können, wenn der Schiedsrichter Abseits gepfiffen hat, wo keines war.“ Diese Aussage unterschreibe ich immer noch, aber ich meinte damit, dass Frauen das Fan-Sein oft anders interpretieren.  Nicht, dass man Frauen und Männer oder Frauen- und Männerfußball nicht vergleichen darf.

Ich glaube, es geht auch gar nicht ums Vergleichen oder Vergleichen-Dürfen, sondern darum, dass Frauenfußball und Männerfußball  in Zukunft auf der gleichen Ebene wahrgenommen werden, wie das bei anderen Sportarten auch der Fall ist. Aber die Idee mit der „eigenen Sportart“ ist doch wirklich Quatsch.

Und der Rest des Heftes?  Style Pass hat mich nicht überzeugt.

Wer es nicht besser weiß, muss beim Durchblättern glauben, das Heft hätten Männer gemacht, die meinen, dass Frauen das Ding schon kaufen, wenn es nur irgendwie pink eingefärbt ist. Aber das hat bei Bohrmaschinen und Laptops auch schon nicht funktioniert.

Ich bin eine Frau, die sich für Fußball interessiert und sich auch ein bisschen auskennt. Die Zielgruppe – das bin doch ich. Aber wenn mich einer mit „Girls, Ladys, Chicks und Senioritas“ anspricht, mach ich, dass ich wegkomme. Für Modestrecken kann ich mir auch die Brigitte kaufen, Basteltipps gibt es viele im Internet und Kochrezepte zur Not auch in der Fernsehzeitung meiner Eltern. Alles Sachen, die ich in einem Fußballheft nicht brauche.  Vieles ist mit heißer Nadel gestrickt, eilig getextet, kaum redigiert, reich an sprachlichen und bildlichen Klischees, manchmal unfreiwillig komisch. Manches verstehe ich auch nicht: Warum die Modestrecke keinen Vorspann hat und „Italian Nostalgia“ heißt, wo ich doch nur gelangweilte Models auf einen Fußballplatz starren sehe. Warum es eine Doppelseite zum Thema Kunst gibt, deren Fußballbezug sich mir nicht erschließt. Warum es am Ende einen mit weißen Rosen bebilderten Fortsetzungsroman geben muss. Der war ein echter Rausschmeißer.

Fazit: Meine 11-Freunde-Sammlung und die Art, wie die Kollegen damals „11 Freundinnen“ gemacht haben, ist mir lieber.

Frauen-Magazin? Männer-Magazin? Kein Vergleich? Vergesst’s.

Wenn es um guten Journalismus geht, werde ich keine neue Sportart einführen.